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Apoptygma Berzerk – Neuerfindung als Lebensprinzip

Seit Ende der Achtziger in Norwegen das Projekt Apoptygma Berzerk als Duo geboren wurde, spielte elektronische Musik immer wieder die Hauptrolle, wenn auch die damit vermengten düsteren Rockelemente Vergleiche zu EBM-Bands wie Nitzer Ebb, Front 242 und Ministry zuließen. Früh stieg eines der Gründungsmitglieder wieder aus, seither versammelt der gebürtige Däne Stephan Groth eine Schar wechselnder Musiker um sich und erfindet Apoptygma Berzerk mit jedem Album neu. Bei keinem anderen Projekt sind die musikalischen Wechselbäder so ausgeprägt wie bei diesem. Electronic Body Music, Industrial, Future Pop und nun von Künstlern wie Klaus Schulz, Vangelis, Tangerine Dream und Kraftwerk inspirierter Electronica-Sound. Das neue Album „Exit Popularity Contest“ ist eine Sammlung von Tracks, die über die letzten Jahre entstanden und in limitierter Form in drei aufwendig gestalteten 12Inches in die Läden kamen. Der starken Nachfrage gerecht werdend, gibt es deren Stücke nun noch mal gesammelt für alle, die kein Vinyl ergattern konnten und dennoch nicht auf die neueste Entwicklung Groths verzichten wollen.

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A photo posted by APOPTYGMA BERZERK (@apop) on

Für den häufigen Wechsel der musikalischen Ausrichtung nennt Stephan im Interview zwei gute Gründe: „Zum einen bin ich zu 100 Prozent dabei, wenn mich etwas begeistert. Wenn ich für mich ein neues Genre entdecke, muss ich mich zunächst voll darauf konzentrieren. Zum anderen bin ich aber auch sehr schnell gelangweilt. Das betrifft mein ganzes Leben und spiegelt sich daher natürlich auch in mir als Musiker wider. Mal mache ich House, dann Disco, danach EBM und nun eben von deutschen Künstlern der späten Siebziger inspirierten experimentellen, cineastischen Sound. Aber damit bin ich nicht allein. Es gibt zwei Arten von Bands. Zum einen sind da die Ramones, die Rolling Stones und AC/DC, die ich alle liebe, die aber eben ihren einen Job machen. Alle ihre Veröffentlichungen waren zu 100 Prozent sie. Und das ist gut so. Andere Bands wie die Beatles, Pink Floyd, Radiohead und eben Apoptygma Berzerk erfinden sich immer wieder neu, überraschen und probieren sich aus. Sie suchen immer wieder neue Wege, sich auszudrücken. Manchmal ist das extrem erfolgreich, manchmal auch so gar nicht. Aber man probiert es eben aus, weil es zum eigenen Naturell gehört.“ Besonders wichtig ist es für Stephan, sich frei von Konventionen bewegen zu können. Sein Beruf ist sein Hobby, sein Hobby ist sein Beruf, und hierbei soll für ihn vor allem der Spaß im Vordergrund stehen: „Wenn es zu sehr nach Arbeit riecht, zum Beispiel beim Erledigen irgendwelcher Büroarbeiten, beginne ich sofort, mich zu langweilen.“

Die häufigen und mitunter auch extremen musikalischen Veränderungen sind für Fans der ersten Stunde sicher nicht immer ganz einfach nachzuvollziehen. Wer EBM mag, steht nicht unbedingt auch auf Future Pop. Wer Industrial liebt, ist womöglich nicht gerade ein großer Fan vom elektronischen Sound der späten Siebziger. „Viele meiner Fans haben sich daran gewöhnt, dass ich ein bisschen schizophren bin. Sicherlich haben genauso viele das Interesse an dem verloren, was ich tue. Vergleichen wir es mal mit Depeche Mode. Auch sie machen immer wieder neues Zeug, alles davon ist gut, aber nicht alles ist auch für mich interessant. Trotzdem bin ich immer noch ein Fan. Ich gehe auch immer noch zu ihren Konzerten. Und so ist es auch bei mir und meinen Fans. Es gibt Hardcore-Anhänger, die alles toll finden, was ich mache. Das sind die wichtigsten Fans für mich. Es gibt aber auch noch die Leute, die genau nur das eine neue Album mögen – für eine Weile. Es kommen und gehen Fans. Das ist okay so.“ Langweilig wird es so jedenfalls nicht, weder für die Hörer noch für den Künstler. Stephan lässt sich selbst immer wieder davon überraschen, wohin die musikalische Reise beim nächsten Mal für ihn geht. „Ich fühle eine Art Verantwortung als Künstler, meine Hörer nicht zu langweilen. Ich nehme mir jetzt nicht vor, in zwei Jahren ein Reggae-Album zu machen, so funktioniert das nicht. Zumal Reggae auch eher keine Option ist, selbst wenn ich Dancehall mag. Allerdings möchte ich mich auch keinen Möglichkeiten gegenüber beschränken. Wenn es passiert, passiert es. Ich werde von der Kunst gelenkt, nicht umgekehrt.“

Nicht allein die Fanbase wird bei Apoptygma Berzerk immer wieder auf die Probe gestellt, auch die Band um Stephan Groth herum muss dabei einiges aushalten. Schwer vorstellbar, dass jeder Einzelne alle musikalischen Wechsel uneingeschränkt mitgehen möchte. „Apop besteht aus einer ganzen Gruppe von Freunden. Wir gehen zusammen auf Tour, nehmen neues Zeug auf und hängen in kreativen Zirkeln miteinander herum. Einige sind über die Jahre auf der Strecke geblieben, neue Leute sind dazu gekommen. Es sind sogar ausgeschiedene Mitglieder irgendwann wieder zurückgekehrt. Viele haben inzwischen Frauen, Kinder, Hunde und Häuser, ich kann sie nicht immer alle gleichermaßen in Beschlag nehmen. Leider. Und so haben wir eine hohe Fluktuation innerhalb der Band, aber es sind doch nur eine Handvoll Leute, die sich da abwechseln. Wenn wir live spielen, versuchen wir immer, die Schizophrenie aller Alben unter einen Hut zu bringen und die Songs entsprechend anzupassen, sodass ein harmonisches Gesamtbild entsteht. Dann ist es ein traditionelles Rockband-Setup – Drums, Gitarre, Gesang. Kein Bass allerdings, das erledigt der Computer. So können wir die verschiedenen Styles kombinieren und machen daraus Live-Rock-Versionen. Das funktioniert ganz hervorragend. Unsere Shows sind auch dann ausverkauft, wenn wir jahrelang kein neues Album veröffentlicht haben. Gerade in Deutschland ist das so. Und selbst wenn die einen Fans Album Nr. 2 besonders mögen und die anderen Album Nr. 4, kommen sie am Ende doch alle zu unseren Konzerten.“

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Eine Tour steht in Deutschland leider erst mal nicht an, wären Rockversionen der neuen Electronica-Nummern doch sicherlich nicht uninteressant. Auch für den aktuellen Sound hat sich Stephan von der Kunst leiten lassen. „Los ging es vor drei Jahren – als Reaktion auf die Situation der Plattenindustrie, sprich Spotify etc. Streaming hat auch viel Gutes, aber es ist kein Prinzip, von dem Künstler leben können. Spotify als Ersatz für Radio ist okay, aber als Ersatz für Vinyl, das ist falsch. Beides hat nichts miteinander zu tun. Also war meine Idee, Vinyl only zu veröffentlichen. Limitiert, nummeriert, signiert, in farbigem Vinyl – mit allem Drum und Dran eben. Und das hat gut funktioniert. Die Leute haben das Zeug gekauft und sich gefreut, etwas Wertiges in der Hand zu halten. Geld verdient man damit natürlich nicht, man arbeitet maximal kostendeckend. Mir schien das aber ein besseres Geschenk an die Fans zu sein als ein kostenloser Downloadlink zu irgendeinem Track per E-Mail. Das kostet dich als Künstler erst mal gar nichts, du bekommst auch noch eine E-Mail-Adresse, die weit mehr wert ist als der Download. Das wollte ich genau nicht, das ist nicht cool für die Fans. Aber so ein Vinyl verliert nicht an Wert. Ich garantiere dem Fan, dass es niemals weniger wert sein wird als das, was er dafür bezahlt hat. Inzwischen werden die Platten für weit mehr als den Ursprungspreis im Internet gehandelt. Das ist cool.“ Und es hat etwas Nostalgisches. So auch die Musik auf den EPs und dem nun alle Tracks zusammenfügenden Album. „Ich wollte, dass alles zusammenpasst. Musik, Format, Cover. Und aus diesem Grund gibt es das Ganze auch jetzt nicht bei irgendeinem Streamingdienst.“ Doch allein das Booklet zur CD ist sehenswert, sodass sich die Investition in dieses Format ganz sicher ebenfalls lohnt.

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