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Boys Noize – Ruhe ist relativ

Kein biertrinkender Clubgänger kam in den letzten Monaten an ihm vorbei. Und auch andernorts sah man Anzugträger wie Bauarbeiter beim lässigen Feierabendabsacker mit einem »Boys Noize Techno Beer« in der Hand. Die »Art Label«-Kampagne von Beck’s hat für eine Menge Trink- und Gesprächsstoff auf Konzerten und Partys gesorgt und die dabei gefeaturten Künstler Bloc Party, M.I.A., Seeed, Anton Corbijn und eben Boys Noize wieder ins Gedächtnis gerufen oder überhaupt erst auf den Plan gebracht. Dabei war es doch einige Monate recht ruhig um den in Berlin lebenden Hamburger Alex Ridha, der als Boys Noize und mit seinem Label Boysnoize Records seit fünf Jahren die elektronische Musikszene aufmischt. 2007 veröffentlichte er mit »Oi Oi Oi« das erste Boys Noize-Album. Für manchen eine echte Überraschung, war Herr Ridha zuvor als DJ Kid Alex und 50 Prozent des gleichnamigen Live-Acts eher für die popaffinere U-Musik bekannt. Plötzlich gab es mit der Geburt von Boys Noize maximal einen auf die akustische Zwölf. Vom ersten Moment an war der Hype um Alex und seine Neuinterpretation des Acid-Gedanken nicht mehr aufzuhalten. Als 2009 Album Nr. 2, »Power«, erschien, war er längst weltweit einer der meist gebuchten Künstler Deutschlands. Er war und ist bis heute so etwas wie der Held einer neuen Rave-Generation, und »Boys-Noize-Sound« hat sich zu einem geflügelten Wort für die dazugehörige frische Musikrichtung entwickelt. Weitere drei Jahre später erscheint nun unter dem Titel »Out Of The Black« Alex’ dritter Longplayer, und dieser war einer der Gründe für die zuletzt ruhigeren Monate. Während man ihn in keinem Club und auf keinem Festival in diesem Jahr antreffen konnte, bastelte er in seinem Berliner Studio an neuen Sounds oder kümmerte sich intensiv um die Labelarbeit. Ruhe ist also relativ.

Ein Montag im August. Der FAZEmag-Redaktion steht Besuch ins Haus, denn Alex Ridha hat sich angekündigt, um mir mehr über das neue Album und die Entwicklungen der letzten Jahre im Allgemeinen zu erzählen. Und er lässt sich nicht etwa im Privatjet von Berlin nach Köln fliegen und vom Flughafen zu uns nach Mülheim chauffieren, sondern nimmt ganz staruntypisch die durch und durch unglamouröse Deutsche Bahn und im Anschluss ein ebenso wenig schillerndes Taxi. Der Mann reist allein, ohne Entourage, die ihm das übersichtliche Gepäck hinterher trägt. Sympathisch, und das ist wohl nur einer der Punkte, der seine enorme Beliebtheit bei Kollegen und Fans erklärt. So laut sein Sound, so ruhig der Mann selbst, als er mir erklärt, wie sich die Produktion des nunmehr dritten Albums für ihn seinerzeit anließ. »Ich habe versucht, mental zu dem Gefühl zurückzukehren, das ich hatte, als ich angefangen habe, zu produzieren. Oft ist es das Nichtwissende, Naive, aus dem etwas ganz Magisches entsteht. Gerade aktuell hat sich die harte Musik, Dubstep, Drum’n’Bass, ‚Auf die Fresse‘ weltweit so etabliert, dass es fast schon Mainstream ist. Dabei denke ich schon seit vier, fünf Jahren dass es da gar nicht mehr weiter gehen kann. Und an dem Punkt wollte ich mich genau davon eben komplett frei machen. Eigentlich habe ich mit der Musik, die ich so im Laufe der Jahre gemacht habe, nie wirklich den Nerv der Zeit getroffen, eher war es in dem Moment immer so ein bisschen uncool.“«Was wohl das beste Indiz dafür ist, dass man Alex mit Boys Noize durchaus als Wegbereiter des harten Electro/Techno der neuen Schule bezeichnen kann, ohne dafür gerügt zu werden. »Ich gebe zu, dass es sich nun beim dritten Album tatsächlich schon ein bisschen so anfühlt, und deswegen überlegt man, was man da nun machen kann, um noch einen drauf zu setzen. Wie geht es weiter? Für mich war der Schritt zurück der Schritt nach vorn, um zu dem zurückzukommen, wo ich angefangen habe.«

Album Nr. 2, »Power«, ging seinerzeit in eine andere, experimenteller Richtung als das Debüt. »Ich glaube, dass das dritte Album nun eine gute Mischung aus beidem ist. Ich suche nach wie vor nach neuen Sounds, die ich geil finde und die in der aktuellen Musik so noch nicht vorkommen, oder eben nach alten Sounds, die man neu aufbereitet.« Die Frage nach der Zielgruppe für seinen Sound stellt sich dabei nicht, ist doch nur Alex selbst seine Zielgruppe. »Ich denke an niemanden, wenn ich produziere. Sobald man anfängt, darüber nachzudenken, ob es den Fans oder diesem oder jenem Produzenten gefällt, weil man der Coolste sein will, verzettelt man sich. Deswegen ist es am besten, wenn man das nur für sich macht. Und dieses Gefühl hatte ich bei diesem Album wieder ganz stark.« Dass es ihm gelungen ist, sich von allen Erwartungen und äußeren Einflüssen frei zu machen, hat sicherlich auch damit zu tun, dass sich Alex für Vorbereitung und Produktion für neun Monate von allem anderen losgesagt hat. Nur ein Clubgig im Monat und kein einziges Festival standen in diesem Jahr auf seinem Zettel. »Ich habe mir das zum ersten Mal so gegönnt. Mal einen Sommer mit meinen Freunden verbringen und nichts tun …« Sicherlich auch ein mutiger Schritt, nicht nur finanziell. »Es ist nicht einfach, denn heutzutage ist alles so hektisch, alles geht so schnell. Du wirst in einem Jahr Star, ein Jahr später redet keiner mehr über dich. Auch darüber denkt man natürlich nach. Aber das war mir dann egal, zumal ich eben das Album auch in diesem Zeitraum machen wollte.« Tagsüber am Badesee, nachts im Studio? »Ich habe auch beim Label noch einiges zu tun. Aber für mich ist es schon eine Wohltat, wenn ich zuhause schlafen kann und nicht jeden Tag fliegen muss. Ich will mich echt nicht beschweren, aber ich habe das jahrelang jetzt hardcoremäßig gemacht, daher war das einfach mal nötig und gut.«

Das Faulenzen im Sommer hatte sich Alex dann wohl auch verdient. Nicht nur aufgrund der massiven Tourerei durch die Weltgeschichte in 2011, sondern auch, weil ein Großteil des Albums bereits im Winter fertiggestellt wurde. »Ich hab mir in paar neue Maschinen gekauft und rumgewerkelt. Es war eigentlich durchweg dunkel zu dieser Zeit.« Und so kommt auch der Albumtitel »Out Of The Dark« nicht von ungefähr. »Ich war irgendwann in einem Modus, in dem ich von morgens bis abends im Studio saß. Das hatte ich auch ein bisschen vermisst, denn gerade nach dem Ende meiner Tour hatten sich so viele Ideen aufgestaut. Zumal ich zuvor auch noch viele Dinge noch für andere gemacht habe und gar nicht dazu gekommen bin, an eigenen Sachen zu arbeiten, für mich selbst kreativ zu sein. Ich bin leider nicht der Typ dafür, auf Tour zu produzieren. Ich brauche meine Maschinen im Studio. Jedenfalls hatte ich daher so richtig Bock, Musik zu machen.« Diese »Dinge für andere«, die Alex anspricht, waren Produktionen für Chilly Gonzales, Santigold, Spank Rock und die Scissor Sisters. Nicht gerade kleine Hausnummern und viele weitere Pflastersteine auf dem Weg nach oben. Und doch eigentlich nichts, was er für sein Standing noch gebraucht hätte, sondern vielmehr die Abwechslung, die er als Künstler benötigt. Als Gonzales anklopfte, war Alex von einer Absage dann also so weit entfernt wie die Geissens von gutem Geschmack. »Es war so erfrischend für meinen Kopf, mal etwas ganz anderes zu machen. Danach kam direkt das Spank-Rock-Album, noch mal etwas komplett anderes. Und schon war ich mittendrin in der Scissor-Sisters-Geschichte, wieder komplett anders. Es war alles dabei, und in der Zeit habe ich mir auch Gedanken darüber gemacht, wie es bei mir weiter geht. Sicher hatte all das einen Einfluss darauf. Es gab aber auch einen oder zwei Tracks, die vorher schon fertig waren, ‚Reality‘ und ‚XTC‘ sind schon rund eineinhalb Jahre alt.«

Und hätte Alex im Alter von 30 bereits graue Haare, die er im Übrigen nicht hat, würde daran »Reality« wohl eine Mitschuld tragen. »Ich habe ein Jahr gebraucht, um den Track fertigzustellen, das war der schlimmste Brocken. Jetzt bin ich super happy damit, aber ich habe auch irgendwann aufgegeben. Gerade dieses Stück ist voll mit Elementen und Parts, schon mehr ein Rocksong beinahe, und es war echt schwer, das Ding zu mischen.« Boys Noize steht ohnehin für den rockigen Ansatz im Techno, für die Punkattitüde des Electro und für die einträgliche Mischung aus neuen und alten Sounds, bei der am Ende etwas völlig Neuartiges entsteht. »Gerade in der elektronischen Musik gehen doch irgendwann alle wieder zurück zum Ursprung. Das sieht man derzeit auch – mal ganz unabhängig von meiner Musik – im House. Dass ich alte Drummachines benutze, die ja eigentlich nie alt werden, die 303, 808, 909 etc. in Verbindung mit den neuen Technologien ist das, was es bei mir einfach ausmacht.«

Entstanden sind so nun zwölf Tracks, die Titel wie »XTC«, »Missile«, »Ich R U«, »Rocky 2«, »Merlin« und »Touch It« tragen. Einige wecken direkt Assoziationen, andere lassen den Hörer eher fragend zurück. »Bei den Tracks, die ich seinerzeit mit Erol Alkan gemacht habe, haben wir schon mal länger überlegt. Aber ich allein bin da recht unkompliziert, ähnlich wie bei meiner Musik. Eigentlich ist mir der Titel eines Tracks scheißegal. Der Albumtitel ist wichtig, das schon. Aber ich mache Musik für den Moment, und so halte ich es auch mit den Titeln.« Aus dem Tracklist heraus sticht jedoch ein Song, und das nicht etwa aufgrund seines Namens, sondern aufgrund des Featurings. Boys Noize ist im Grunde nicht der Act, der groß etwas auf Kollaborationen gibt, doch mit »Got It« hat sich Alex einen lang gehegten Wunsch erfüllen können. »Es war sogar ein sehr lang gehegter Wunsch, mal etwas mit Snoop Dogg zu machen. Eigentlich war der Plan, für ihn was zu produzieren. ‚Got It‘ war eigentlich für ihn gedacht, und den jetzt für mein Album zu bekommen, war nicht einfach. Angefangen hat das ganze Ding mit einem Remix, den ich für ihn gemacht habe. Als das mit Twitter bei mir los ging, habe ich ihn mal angeschrieben und ihn gefragt, ob er den überhaupt kennt. Er hat sich tatsächlich zurückgemeldet und meinte, ich solle ihm noch mehr schicken. Das war vor drei oder vier Jahren. So hat sich der Kontakt zu ihm und seinem Management aufgebaut. Man hat sich dann auch mal backstage getroffen. Aufgenommen haben wir das Ganze bei ihm im Apartment. Er ist immer noch wie der kleine Junge, der damals angefangen hat, zu rappen. Generell bin ich aber eben überhaupt nicht der Typ für Featurings. Ich tue ich mich echt schwer damit, etwas Tanzbares mit einem Vocal zu machen, das dann nicht total cheesy klingt. Das wird vielleicht cool und ein guter Song, aber es ist dann nicht Boys Noize. Aber nur Snoop als Gast auf dem Album ist doch schon eine Ansage …«

Die Idee, große Namen auf seinem Longplayer zu featuren, um unterm Strich das eine oder andere Exemplar mehr davon zu verkaufen, würde ohnehin nicht in das Konzept passen, das Boys Noize nun schon seit Jahren erfolgreich fährt. Von den Verkäufen dieses einen Albums längerfristig leben zu können, ist gar nicht sein Anspruch. Zuträglich könnte dem aber doch die aktuelle Beck’s-Art-Label-Kampagne sein. Für Alex’ war dieses Angebot selbst eine große Überraschung. »Für Beck’s ist es sicher wichtig, solche Kampagnen zu starten, um jung zu wirken und in die Clubs zu kommen. Für mich war das cool, weil es mit anderen coolen Künstlern stattfindet. Wenn es nicht Bloc Party, M.I.A. etc. gewesen wären, hätte ich es vielleicht auch nicht gemacht. Die haben 90 Millionen Flaschen Techno Beer produziert, das ist schon cool.« Besonders aufgefallen ist mir dagegen ein übergroßes Werbebanner, das sich bei näherer Betrachtung als riesiges, mit Boys-Noize-gelabeltes Holzpanel herausstellte, bei dem fünf Kopfhörereingänge integriert waren. Hinter jedem dieser Eingänge verbarg sich ein anderer Boys-Noize-Track, sofern man bereit war, sich wie ein Volltrottel mit Headphones vor diese Mauer zu stellen. »Mir schreiben die ganze Zeit nur irgendwelche Italiener, Engländer etc. und posten mir ihre Fotos vom Techno Beer. Das finde ich schon lustig. Es ist das allererste Mal, dass ich so was überhaupt gemacht habe.«

Der Zeitpunkt hätte besser wohl kaum gewählt sein können. Immerhin hat es den Namen Boys Noize trotz der diesjährigen Festivalabstinenz nie von der Bildfläche und aus den Gedächtnissen der Clubgänger verschwinden lassen, so dass er gerade zum Albumrelease präsenter denn je ist. »Da habe ich noch gar nicht so drüber nachgedacht, aber stimmt schon. Voll gut eigentlich.« Das Layout für die Kampagne stammt noch aus der kreativen Feder von Paul Snowden, Designer und Aktionskünstler. Der gebürtige Neuseeländer gestaltete außerdem bisher rund 200 Plattencover für u.a. Blumfeld, Turner, Dirk von Lowtow und eben Boys Noize. Auch mit dem Claim »Wasted German Youth« hat er für viel Aufsehen gesorgt. Sein Look passte zu Boys Noize wie der sprichwörtliche Arsch auf den Eimer, und doch hat sich Alex für die Gestaltung des neuen Covers anders entschieden. »Eine sehr gute Freundin hat mir Paul damals empfohlen, das war noch vor dem Wasted German Youth-Ding. Er hatte einfach einen coolen, minimalen Style, der aber auch super ‚Auf die Fresse‘ ist, was einfach gut zum Sound passte. Für das neue Album wollte ich aber mal was ganz Neues und Frisches und einen anderen Designer. Es gab einen Japaner, den ich seit Jahren ganz cool finde, mit dem habe ich mich getroffen, und ich bin mir mit dem Ergebnis super zufrieden.«

Unauslöschlich hängen geblieben auf grafischer Seite ist aus vergangenen Tagen der Totenkopf, der das erste Albumcover zierte, und den Alex selbst gern wieder losgeworden wäre. Erfolgreich war er damit nicht. »Ich habe gemerkt, dass die Leute total durchdrehen, wenn das Teil hinter mir in den Visuals auftaucht.« Und so ist diese Partnerschaft wohl eine für die Ewigkeit. Was neben dem Skullhead können wir aber noch für die anstehenden Live-Shows erwarten? »Sowohl die 30 Gigs in 35 Tage während meiner USA-Tour werde ich im Rock’n’Roll-Style mit dem Nightliner absolvieren, als auch die Termine vorab in Deutschland – gemeinsam mit der ganzen Crew. Und ich bin echt froh, dass ich nicht so viel fliegen muss. Die Shows finden allesamt etwas früher statt, wie bei einem Konzert. Spank Rock wird hier in Deutschland das Vorprogramm bestreiten, in den USA ist im Wechsel auch noch Strip Steve dabei. Für meine Show bin ich kein Fan von random Visuals, das Ganze wird eher in Form von Lichteffekten stattfinden. Es soll ein bisschen minimaler sein, aber es wird sich alles auf etwas ganz anderes konzentrieren, was ich noch nicht verraten darf. Nur so viel noch: Es ist das erste Mal, dass ich ausschließlich mein eigenes Material über 70 bis 80 Minuten spielen werde.«

www.boysnoize.com

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