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Dinosaur Jr. – Leidenschaft vs. Phlegmatismus

Anfang der 90er, als Grunge die Musikwelt erobert und Bands wie Nirvana und Pearl Jam die Massen bewegen, gibt es eine ganze Reihe Acts, die zwar kommerziell weniger erfolgreich sind und eher eine Nische bedienen, hier aber mit ihrem Sound Musikgeschichte schreiben. Zu eben diesen Bands zählen auch J Mascis, Lou Barlow und Murph aka Dinosaur Jr. Seinerzeit erscheinen wegweisenede Alben wie »Green Mind« und »Where You Been«; die drei prägen damit ihren ganz eigenen Stil, der Melancholie und Weltschmerz in essentiellen, melodischen Rocknummern mit Gefühl und Verstand vereint.

1998 trennen sich Dinosaur Jr., J Mascis produziert fortan Bands wie Sonic Youth, Buffalo Tom und sein eigenes Soloprojekt J Mascis & The Fog, ehe man sich 2005 wieder vereint. 2007 erscheint mit »Beyond« ein neues, von Fans und Kritikern hochgelobtes Album, mit dem die Band uneingeschränkt an frühere Erfolge anknüpfen kann, weil man sich selbst und seinem Stil treu geblieben ist. Ähnlich dürfte es mit dem jetzt mittlerweile neunten Studiolongplayer »Farm« laufen, denn auch hier klingen Dinosaur Jr. so, wie Dinosaur Jr. eben klingen müssen. J Mascis unverkennbare Stimme, deren Klangfarbe sich trotz seines fortgeschrittenen Alters kaum verändert hat, die verzerrte Gitarre und die Leidenschaft, die in jedem einzelnen der 12 Songs steckt, machen »Farm« [PIAS] zu einem Album, das dem Fan von einst Freudentränen bereitet, aber auch Dinosaur-Jr.-Neulingen Spaß bringen dürfte.

Nahezu grotesk verhält sich meine Begeisterung für die Band und deren Leidenschaft dann allerdings im Verhältnis zu der meines Gesprächspartners für dieses Telefoninterview. Dass J Mascis optisch jetzt nicht unbedingt eine coole Sau ist, okay und am Telefon ja eh egal. Aber er macht zudem einen völlig leidenschaftslosen bis phlegmatischen Eindruck, als er in den Hörer nuschelt, um meine Fragen mit jeweils einem Satz abzuhandeln, und selbst dabei habe ich schon Angst, dass er über dem Fernsprecher einnicken könnte. Ich kann meine Enttäuschung darüber kaum verbergen, was allerdings meine Faible für die Musik Dinosaur Jr.’s nur für kurze Zeit trübt. Wie mir Joseph Donald Mascis Jr. also erklärt – wenn ich ihn richtig verstanden habe – hat sich an den Dingen, die ihn beim Produzieren inspirieren und beinflussen im Laufe der Jahre nichts geändert. »Es sind natürlich noch einige Sachen hinzugekommen im musikalischen Bereich. Aber mein Musikgeschmack selbst ist nach wie vor der gleiche.« Während ich mich anstrenge, ihm zu folgen, merke ich, dass das schon seine Antwort war. Tobt sich das Energiebündel Mascis neben seiner Funktion als Dinosaur-Jr.-Frontman noch anderweitig musikalisch aus? »Ich spiele noch Schlagzeug in einer Band namens Witch und habe für einen anderen Act gerade das Mixing abgeschlossen.« Als sich die Band 2005 für einige Live-Gigs und später auch ein Album wieder vereinte, war nicht abzusehen, dass man auch 2009 in der einstigen Originalbesetzung – früher wechselten die Musiker hinter Mascis schon mal – dabei sein würde. Und dabei war er, für mich total überraschend, nicht die treibende Kraft. Vielmehr waren es seine ehemaligen Bandkollegen, die das Projekt wieder ins Rollen brachten, was ohne ihn als kreativen Kopf so wohl kaum möglich gewesen wäre.

»Unsere ersten drei Alben wurden damals wieder veröffentlich, und wir dachten, wir schauen mal, was passiert. Wir spielten einige Gigs, und noch mehr Gigs und es lief ganz gut.« Und auch heute noch macht man sich wenig Gedanken um die Zukunft. »Wir haben jetzt zwei Alben veröffentlicht, weil es gut lief. Wir gehen auf Tour bis November. Und dann sehen wir weiter. Mehr ist noch nicht geplant.« Im Sommer startet also besagte Tour, auch wenn sich der deutsche Fan wohl noch bis zum Herbst gedulden muss, ehe Dinosaur Jr. auch in unsere Gegend kommen. Und meint man aufgrund meiner kleinen Spitzfindigkeiten in diesem Text, dass das mit einem solch letharigschen Frontman keinesfalls was werden kann, sollte man sich davon nicht täuschen lassen. Auf der Bühne scheint J Mascis wie ausgewechselt, ein wenig so, als würde er erst dann wirklich zum Leben erwachen.