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Ergänzende Gedanken zur Suche nach Plan B

Ich habe doch einige Rückmeldungen auf meinen gestrigen Text erhalten. Viele fühlten sich angesprochen und scheinen sich ganz ähnliche Gedanken bereits gemacht zu haben. Andere wiederum glaubten, ich sei traurig oder frustriert oder gar beides.

Weder noch, ein wenig desillusioniert trifft es am ehesten. Natürlich habe ich vor fünf, als ich mich selbständig machte, von mehr Freiheiten geträumt, von Home Office und freier Zeiteinteilung. Mehr Arbeit, das berühmte „selbst und ständig“, aber das eben, wann es mir passt. Klappte auch eine ganze Weile recht gut. Dennoch: Dass mehr Freiheit zu mehr Produktivität und Kreativität führt, ist leider bei vielen Arbeit- und Auftraggebern noch nicht angekommen – insbesondere nicht im ach so modernen und aufgeschlossenen Berlin. Im Gegenteil: Der Anteil Deutscher, die auch zu Hause arbeiten, geht zurück: Von knapp zehn Prozent 2008 auf 7,4 Prozent in 2015 – weit weniger als sonst irgendwo in Europa. Doch ich schweife ab …

Eine Menge Menschen stecken seit Jahren in Situationen – eben beruflich, häufig aber auch privat –, die sie so nie wollten, und haben schlicht nicht die Eier, etwas zu ändern. Viele von ihnen sind gerade Mitte 40 und überdenken all das. Die klassische Zeit für Tabula Rasa. Will und kann ich so noch bis zur Rente – bzw. als Selbständiger: bis ich tot umfalle – weitermachen? War das schon alles? Was kann da noch kommen? Was muss anders werden?

Ein paar sind aber weitaus jünger und befinden sich schon jetzt in einer so misslichen Lage. Einige Beziehungen sind daran bereits zerbrochen, hier fällt es trotz aller Emotionen eben immer noch leichter, die Reißleine zu ziehen, als den ungeliebten Job zu schmeißen. Allerdings habe ich neulich irgendwo mal wieder von Menschen gelesen, die den vielbeschworenen Plan B und den nötigen Mut dafür hatten. Männern in Managerpositionen, die ihren hoch dotierten Job hinwarfen, um im Hinterland Australiens eine deutsche Bäckerei zu eröffnen. Oder erfolgreiche Grafikerinnen, die statt für andere zu schuften, lieber einen kleinen Schmuckladen eröffnen. So was eben.

Oft braucht es doch schon Mut, überhaupt zu erkennen, dass was schief läuft. Noch mehr Mut braucht es, sich genau das einzugestehen und es dann auch noch laut auszusprechen – nicht nur vor sich selbst, auch vor anderen. Natürlich wirkt das Gras auf der anderen Seite immer grüner, vieles sind Luxusprobleme – auch dessen muss man sich bewusst sein. Doch sollte man zumindest abwägen, drüber nachdenken und bewusst entscheiden, statt sich Dinge schön zu reden, sie zu erdulden und sich auf dem Sterbebett zu fragen: ‚Was wäre gewesen, wenn ich 2016 mutiger gewesen wäre?‘

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