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“Fear Inoculum”: Tool legen episches Album vor

13 Jahre nach “10,000 Days” melden sich die Progressive-Metal-Heads von Tool mit einem neuen Longplayer zurück. “Fear Inoculum” unterstreicht einmal mehr ihren Status als eine Band, die einfach ihr Ding macht und dafür größtmögliche Aufmerksamkeit und vollen Respekt verdient.

Jahrelang haben sich Maynard James Keenan und seine Mitstreiter erfolgreich der Bereitstellung ihres Materials über die diversen Streamingdienste verweigert. Doch mit dem anstehenden Release ihres fünften Albums sind nun schon mal die vorherigen Veröffentlichungen bei Spotify und Co. erhältlich. Ab dem 30. August dann gibt es dort auch “Fear Inoculum” in seiner stolzen Länge von fast eineinhalb Stunden. Es ist ein Album, das man so von Tool erwartet hätte, das aber dennoch überrascht.

13 Jahre ist es her, dass mit “10,000 Days” die letzte Platte der Progressive-Metal-Band aus Los Angeles erschien. Mehr als ein Vierteljahrhundert hingegen liegt es bereits zurück, dass sie mit einer ersten EP namens “Opiate” überhaupt auf der Bildfläche auftauchten. Es war Anfang der 1990er, als sie mit ihrem unkonventionellen Düster-Sound, einer einzigartigen Rhythmik und Aggressivität das Genre umkrempelten. Vor allem Keenans Stimme sowie seine Bühnenpräsenz machten Tool schnell vom Geheimtipp zum absoluten Liebling bei Alternative- und Metal-Fans gleichermaßen.

1993 dann, also bereits ein Jahr nach “Opiate”, gelang Tool mit dem Debütalbum “Undertow” der Durchbruch. Das beeindruckende wie beängstigende Stop-Motion-Video zur Single “Sober” lief seinerzeit bei den einschlägigen Musiksendern in Dauerschleife. Mit “Ænima”, “Lateralus” und dem bereits erwähnten “10,000 Days” folgten drei weitere Longplayer und mit ihnen die Entwicklung der Band Tool zu einem Kunstprojekt, das sich weder um Verkaufszahlen noch um Kritikermeinungen scherte.

Man lässt sich Zeit

Tool haben in den letzten 13 Jahren aber nun keineswegs auf der faulen Haut gelegen. Vor allem Frontmann Keenan war umtriebig, unterhält unter anderem die Projekte A Perfect Circle und Puscifer, mit denen er mehrere Alben releaste und live spielte. Zudem ist er inzwischen unter die Winzer gegangen. Dennoch haben Tool-Fans ein neues Album ihrer Lieblingsband sehnsüchtig erwartet. Der Run auf die Tickets für ihr erstes Deutschlandkonzert nach langer Zeit in der Berliner Mercedes Benz Arena Anfang Juni war entsprechend groß. So groß wie die Neugier der wenigen geladenen Pressevertreter beim Album-Listening in Gibson Showroom im Süden der Hauptstadt einige Wochen später.

Epische Songs sind seit jeher ein Markenzeichen Tools. Kaum eins ihrer Stück ist kürzer als sechs Minuten, manches dauert bis zu eine Viertelstunde. Mit “Fear Inoculum” behalten die Kalifornier dieses Konzept nicht nur bei, sie bauen es aus. Es braucht schon Sitzfleisch, um sich auf den unbequemen Plastikstühlen der Pre-Listening-Location auf die 10- bis 15-minütigen Nummern wirklich konzentrieren zu können. Nummern, die sich einem – das ahnt man sofort – erst bei mehrmaligem Hören wirklich vollständig erschließen werden. Schon der 10:20 Minuten lange Opener, Titelsong und erste Single, macht die Richtung klar. Die Band lässt sich Zeit, dreht Schleifen, kehrt zurück, dreht wieder ab. Die Riffs eingängig, die Strukturen komplex, die Tempo- und Stimmungswechsel unerwartet.

Immer wieder verdichten Tool die Atmosphäre in ihren Tracks, ehe sie dann etwa in der Mitte ins Gegensätzliche verkehren. Mal kehrt eine fast spirituelle Ruhe ein, dann wird diese ganz plötzlich oder auch mal mit langem Vorlauf von einem Tool-typischen Metal-Sturm gebrochen. “Invincible” und “Descending” gab es bereits live zu hören, ihre volle Soundbandbreite erschließt sich aber doch eher beim genauen Hinhören im heimischen Wohnzimmer – oder vielleicht ansatzweise auf einem Plastikstuhl im Gibson Showroom.

Futter für Kopf und Herz

Klar wird in jedem Fall, dass das fünfte Album von Tool ein Meisterwerk ist, das dem Hörer allerdings auch einiges abverlangt. Und zwar vor allem Dinge, von denen die meisten Menschen heute kaum genug haben, nämlich Zeit, Geduld und Aufmerksamkeit. “Fear Inoculum” ist nichts, das sich mal eben so weghört, das einen mit eingängigen Hooks in den Arm nimmt und auf einer Welle der guten Metal-Laune davon trägt. Es ist ein Album, das es verdient hat, mit Respekt behandelt und der größtmöglichen geistigen Anwesenheit gehört zu werden. Dann füttert es den Kopf und berührt das Herz.

Wer übrigens zu den Nostalgikern oder eben echten Tool-Fans gehört, wird sich mit einem Streaminglink wohl kaum zufrieden geben. Seine Bedürfnisse können gegen einen entsprechenden Obolus durch den Kauf der limitierten CD-Auflage befriedigt werden. Laut offizieller Beschreibung gibt es dann “eine CD in einer dreifachen Soft-Pack-Video-Broschüre, einen 4-Zoll-HD-Bildschirm mit exklusivem Videomaterial, ein USB-Ladekabel, einen 2-Watt-Lautsprecher, ein 36-seitiges Buch und eine MP3-Download-Karte.”