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Isolation Berlin: Leichtigkeit dringend gesucht

Mehr als fünf Wochen Isolation liegen hinter uns, und ich habe mich inzwischen ein ums andere Mal an Orte gewagt, die nicht auf meiner täglichen Route liegen. Die führt nämlich maximal bis zur Wiese in unserer Straße, vielleicht noch in den Park nebenan oder den Supermarkt. Der Radius, in dem mein Leben derzeit seine Kreise zieht, verengt sich mehr und mehr. Und so versuche immer mal wieder, ihn ein Stück zu erweitern. Volkspark Friedrichshain, Kollwitzkiez, Wannsee und heute Mitte.

Ausflüge wie diese, die meist nicht mehr als zwei Stunden dauern, kommen mir wie eine kleine Weltreise vor. Allerdings ohne die positiven Eindrücke, dafür mit all den Strapazen. Jedes Mal kehre ich mit einem Mix aus Frustration und Traurigkeit heim und wünschte, nicht schon wieder erfolglos die alte Leichtigkeit gesucht zu haben. Die Leichtigkeit, die ein Treffen mit Freunden einst bedeutete. Zu Zeiten, in denen ich das Herumsitzen in einem Park noch genossen habe, in denen man noch echte Themen, sich wirklich was zu erzählen hatte. Derzeit kocht jeder sein eigenes Problemsüppchen, man lädt seins bei dem anderen ab, der seinerseits ebenfalls aus dem Vollen schöpft. Ganz gleich, wie schön das Wetter ist und wie hübsch der Tümpel im Weinbergspark in der Sonne glitzert. Je länger ich dort sitze, desto mehr schwanke ich zwischen Wut über jene, die in großen Gruppen auf der Wiese hocken, als wäre nichts, und Wut über jene, die das wütend macht. Also auch auf mich selbst.

Mir ist bewusst, dass die Maßnahmen ihren Sinn ergeben. Ich maße mir gar nicht an zu beurteilen, wie angemessen all das noch ist. Obwohl ich mich jobbedingt beinahe täglich mit dem Coronavirus auseinandersetzen muss, weiß ich natürlich dennoch nicht, was richtig und was falsch ist. Was ich weiß ist, dass mir Videochats echte Kontakte nicht ansatzweise ersetzen. Dass ich körperliche Nähe ebenso brauche wie Gespräche von Angesicht zu Angesicht, und dass ein Arbeitstag, an dessen Ende die größte, weil einzige Freude ein Wasserglas voller Wein ist, direkten Fußes in die Betty-Ford-Klinik führt.

Von all den Projekten, die ich schon lange angehen wollte, für die mir aber im normalen Leben zwischen Arbeit und Freizeitgestaltung Zeit, Muße und Ehrgeiz fehlten, konnte ich immerhin eins in die Tat umsetzen. Tatsächlich das Einzige, das die Krise bislang hervorgebracht hat, und das mich so etwas wie echte Freude verspüren lässt. Der Rest in mir und um mich herum dümpelt vor sich hin, hat mehr Tiefen als Höhen und lässt mich von Tag zu Tag menschenscheuer werden.

Es ist eine bittere Erkenntnis, wie abhängig ich offenbar von äußeren Einflüssen bin. Wie sehr mein Glück und mein Wohlbefinden von anderen Menschen, gemeinsamen Erlebnissen und neuen Impulsen abhängt und wie wenig Freude und Kreativität ich doch allein aus mir selbst heraus generieren kann. Vielleicht kommt das noch, genug Zeit bleibt vermutlich, denn wir werden noch lange mit der Pandemie und ihren Ausläufern zu kämpfen haben. Es wird noch dauern, bis wir – vermutlich anders als in der alten Welt – wieder Wege finden, Lebensfreude und Unbeschwertheit zu kreieren. Bis es so weit ist, feile ich weiter an meiner seichten Alkoholabhängigkeit, der ich jeden Abend mit dem nächsten Drink neues Futter gebe. Dementsprechend schließe ich dieses Mal mit dem Wort: Salut!