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Isolation Berlin: Kein „Conora“ in Kassel

Es ist Tag sieben in der frühzeitig aber womöglich dennoch nicht rechtzeitig gewählten Isolation, die durch das Zusammenleben in Zweisamkeit häufiger an Isolation mangeln lässt. Wie so oft seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie – und eigentlich auch davor – scrolle ich durch die Timelines der sogenannten sozialen, meist aber asozialen Netzwerke und stoße auf das Video einer in Berlin ansässigen öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt. Der kurze Clip zeigt ein Interview mit der Hauptstadt-Touristin Monika V., die zum Thema Corona befragt wird. Wir erfahren, dass „in Kassel noch gar nichts ist“. Das überrascht erstmal wenig, da war ja noch nie viel. Dort gebe es nicht einmal „Conora“, so Frau V. entrüstet. Also habe sie mit ihrer Freundin drei Tage Berlin gebucht. Ich frage mich, ob das der Beginn von Covid-19-Tourismus ist. Wer seine Heimatstadt in den Medien hören und sehen will, reist umher, um Corona auch dorthin zu holen. Dabei sollen wir doch daheimbleiben, eben damit sich das Virus nicht verbreitet wie ein Lauffeuer. Doch liefert Monika V. aus Kassel auch die Antwort auf all unsere Fragen und die der Wissenschaft gleich mit: „Ich sach mir ganz einfach, ich kriech das nich!“ Immunität durch Willenskraft. Genial.

Leider ist Monika V. nicht die Einzige, die den Ernst der Lage nicht kapiert. Dabei gehört sie unübersehbar zur Risikogruppe, denn die 60 hat sie längst überschritten. Und wäre ich nicht so wohlerzogen, gäbe ich Monika als Souvenir aus der Hauptstadt gern eine ordentliche Covid-19-Erkrankung mit nach Hause ins schöne Kassel. So wie ich all jenen das Virus an den Hals wünschen würde, die bei „Stay Home“ offenbar „Mach Urlaub“ verstehen und an einem Wochentag bei 16 Grad und Sonne in großen Gruppen auf den Wiesen der Stadtparks sitzen, grillen, Joints und Bierflaschen herumgehen lassen. Klar, der Mensch ist ein soziales Wesen, niemand weiß das besser als ich, und es wird mir schon am zweiten Tag im Homeoffice einmal mehr schmerzlich bewusst. Bei paralleler Abwesenheit des Partners, Mitbewohners, Freundes, Feindes – ein sich aktuell täglich verändernder Status – bin ich abends derartig aufgelöst und deprimiert, dass mir trotz Höhenangst für einen kurzen Moment nicht mal der Sprung von der Dachterrasse im fünften Stock unmöglich scheint. Trotzdem ist das Suchen massenhafter sozialer Kontakte gerade eben keine Option.

Die Isolation macht etwas mit mir, und es ist nichts Gutes. Noch ist die Situation zu surreal, um sie zu akzeptieren, ohne zu jammern, das Beste daraus zu machen, kreativ zu werden und die Entschleunigung sinnvoll zu nutzen. Noch jammere ich und bekomme zusätzlich ein schlechtes Gewissen. Immerhin habe ich noch Arbeit, ein Einkommen, Rücklagen, ein schönes Zuhause, in dem ich gerade keine Kinder hüten muss, eine Terrasse, Internet. Ich bin noch keine 60, habe keine nennenswerten Vorerkrankungen, arbeite weder im medizinischen Bereich noch im Supermarkt. Auch meinen Eltern geht es ihren Umständen entsprechend gut. Und ich bin nicht allein. Wo also liegt das Problem?

Es liegt jedenfalls tief. So tief, dass ich eigentlich gar nicht danach graben möchte. Ist es Existenzangst oder doch eher Angst vor der eigenen Existenz? Auf mich selbst zurückgeworfen zu sein, mich mit mir beschäftigen zu müssen? Meine eigenen Unzulänglichkeiten zu spüren, und auch die einer Langzeitbeziehung, die schon viele Krisen überstanden hat, kurz vor dem Ausbruch des Virus aber gerade in ihrer bislang schwersten steckte? Nun sitzen wir da, auf uns gestellt, aufeinander angewiesen. Dabei hatte ich doch so viele, so ganz andere Pläne. Der innerhalb der Beziehung mühselig erarbeitete Freiraum des Einzelnen wird nun aufgefressen von einem Virus, das angeblich nur die Alten und Schwachen dahinrafft.

Frustration über lange geplante und nun wegbrechende Freiberufler-Jobs auf seiner Seite. Traurigkeit über noch nicht ausreichend gefestigte und nun wegbrechende Bekanntschaften auf meiner. Und was machen die Monate der unfreiwilligen Konzentration aufeinander mit uns? Werden sie vor Zeiten zugegangene Türen wieder öffnen oder eher das letzte offene Fenster auch noch schließen? Wie findet man in diesen Tagen andere Themen als das Coronavirus und seine Auswirkungen auf uns und die Gesellschaft, die Wirtschaft, aber auch auf die Natur? Was sind die Themen, über die es sich zu reden lohnt, wenn man vor Corona bereits dachte, es sei eigentlich schon alles gesagt?

Unser Leben ist plötzlich die Blaupause für ein Reality-TV-Experiment, wie es sich RTL II nicht besser hätte ausdenken können. Gestern aber habe ich gelesen, dass die Population der Spitzmaulnashörner in Afrika wieder steigt. Und damit hätte am Ende ja auch niemand gerechnet.