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Kosmos Chemnitz: Klare Statements und positive Signale

Im letzten September kommen 65.000 Menschen zum #wirsindmehr Festival nach Chemnitz. Ein Dreivierteljahr später findet an selber Stelle das Kosmos Chemnitz statt und setzt den Kampf gegen rechte Hetze und Rassismus fort.

Im Spätsommer 2018 macht Chemnitz negative wie auch positive Schlagzeilen. Zunächst kommt Ende August der 35-jährige Daniel H. bei einer Messerstecherei am Rande eines Stadtfestes ums Leben. Die mutmaßlichen Täter sind ein Syrer und ein Iraker, der bis heute flüchtig ist. Der Fall sorgt für einen Aufschrei in der Bevölkerung, zieht fremdenfeindliche Aufmärsche, Hetzjagden, Hitlergrüße und Übergriffe nach sich.


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Der Großteil der Chemnitzer geht damit nicht konform, ist über den Hass, der durch die Stadt weht, ebenso entsetzt wie der Rest des Landes. Als sich die Chemnitzer Band Kraftklub entschließt, unter dem Hashtag #wirsindmehr ein Festival gegen rechts zu initiieren, folgen spontan 65.000 Menschen ihrem Ruf. Felix Brummer und Co. wollen der Welt beweisen, dass ihre Heimatstadt nicht in jene dunkelbraune Ecke gehört, in die sie dank einiger weniger gerade gedrängt wird. Den Schritt gehen Künstler wie Feine Sahne Fischfilet, Die Toten Hosen, Marteria, Casper, Trettmann und K.I.Z. gerne mit.

Mehr Künstler und mehr Rahmenprogramm

Dieses positive Zeichen soll nicht einfach versanden und so findet unter dem Namen Kosmos Chemnitz und dem Hashtag #wirbleibenmehr zehn Monate später ein weiteres Festival mit selbiger Botschaft statt. Allerdings nicht mehr mit Kraftklub als Initiatoren. Die kommunale Chemnitzer Wirtschaftsförderungs- und Entwicklungsgesellschaft mbH (CWE) mit Geschäftsführer Sören Uhle hat übernommen. Es gibt dieses Mal mehr Künstler und Bühnen und terminiert hat man das Ganze am Tag vor dem nur zehn Kilometer entfernt stattfindenden Kosmonaut Festival.

Ein kluger Schachzug, kommen fürs Kosmonaut Festival doch sowieso rund 10.000 junge Menschen in die Stadt, um sich am Stausee Rabenstein Künstler wie K.I.Z., Bosse, Parcels und Leoniden anzuschauen. Es gibt Shuttlebusse vom Festivalgelände in die City und zurück. Dementsprechend nutzen viele Kosmonaut-Besucher die Gelegenheit, noch einen weiteren und obendrein kostenlosen Festivaltag mitzunehmen.

So auch Luisa aus Düsseldorf und Pia aus der Nähe von Magdeburg, die ich beide während meiner Anreise in der Regionalbahn treffe. Bepackt mit Zelt, Isomatte und Trecking-Rucksack wollen sie zunächst den Kosmonaut-Zeltplatz ansteuern, um später fürs Kosmos Chemnitz zurückzukehren. “Ich hatte ohnehin frei, da dachte ich, ich könnte auch einfach schon einen Tag früher fahren”, sagt die 23-jährige Luisa. Doch ginge es ihr nicht nur um die kostenlose Extrarunde Musik. “Es ist eine große und gute Sache. Ich hoffe, dass es die Aufmerksamkeit auf Chemnitz lenkt und so mehr Aufklärungsarbeit stattfindet.” Da ist sie sich mit Pia einig. Obwohl auch die 24-Jährige erst nach der Wende geboren wurde, ist ihr der Unterschied, den viele zwischen Ost und West noch immer machen, bewusst. “Ich weiß, dass man vom Osten immer noch als Dunkeldeutschland spricht. Irgendwie ist diese Ost-West-Trennung in den Köpfen nach wie vor drin. Und klar sehe ich bei uns zu Hause die AfD-Plakate, aber ich selbst bin ja gar nicht so. Überhaupt sind es ‘nur’ 13 Prozent, die rechts wählen. Doch von den übrigen Menschen spricht irgendwie niemand.” Heute kommen aber genau die hoffentlich nach Chemnitz. Die Hoffnung, dass das Event das Image der Region verbessert, besteht weiter.

Ruhe vor dem Sturm


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Der Regionalexpress aus Leipzig ist jedoch erst mal überraschend leer. Eigentlich trifft man hier nur auf Mittzwanziger auf dem Weg zum Kosmonaut Festival. Und auch bei der Ankunft am Hauptbahnhof von Chemnitz sind am Mittag noch keine Menschenmassen zu verzeichnen. Vielleicht ist es die Ruhe vor dem Sturm. Möglicherweise suchen sich alle erstmal einen Zeltplatz und kehren dann später mit dem Shuttle zurück. Doch wo sind jene, die nicht einfach nur ihr Festival-Erlebnis verlängern wollen? Wo sind die, die allein für die Sache nach Chemnitz kommen, um ein Zeichen zu setzen und gegen rechts aufzubegehren?

Die ersten der gut 40 Spielstätten eröffneten bereits um zehn Uhr. Es gibt Diskussionen, Ausstellungen, Infoveranstaltungen, Workshops und ein buntes Kinder- und Jugendprogramm. Von echter Festivalstimmung ist aber auch gegen 15 Uhr noch nichts zu spüren. Klar, es ist Donnerstag. Wer in Chemnitz und Umgebung wohnt, ist trotz besten Festivalwetters noch auf der Arbeit. Einige Schulklassen spazieren hingegen schon durch die City. Sonst scheint hier alles seinen gewohnten Gang zu gehen, sieht man über die Bühnen und mobilen Toiletten einmal hinweg.

“Unteilbar ohne Rassismus”

Um 15.30 Uhr startet das Programm auf der #wirbleibenmehr-Stage. Das zieht erste Musikfans an. Die lauschen Lary, die von ihrer Begegnung mit Geflüchteten auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof in Berlin erzählt und den dazugehörigen Song “Columbiadamm” präsentiert. Denn natürlich soll das Thema dieses Tages neben Sonne, Drinks und Musik nicht in Vergessenheit geraten. Auf dem Banner hinter den Künstlern steht die Botschaft gedruckt: “Für eine offene und bunte Gesellschaft. Unteilbar ohne Rassismus, Hass und Hetze”.


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Schon eine Stunde später hat sich das Bild in der Stadt gewandelt. Junge Menschen in “FCKAFD”-Shirts, Mädchen mit Glitzer im Gesicht und Jungs mit Bierflasche in der Hand schlendern Richtung Stadtmitte. Der Altersdurchschnitt ist deutlich gesunken. Vor der Hauptbühne wird es trotzdem nur langsam voll, denn die strengen Einlasskontrollen verzögern den Vorgang.

Unterdessen sammeln sich die Menschen unter anderem am Floor des “Boiler Room”, einem Online-TV-Kanal, der die Sets elektronischer Künstler live streamt. Ich spreche mit einem älteren Ehepaar aus Chemnitz. Sie ist 76, er 82 Jahre alt. Ich will wissen, was sie von dem ganzen Zauber halten. “Ich finde das toll”, sagt die Frau. “Es ist toll, dass so viele junge Menschen in die Stadt kommen.” Die zwei wollen sich den syrischen Weltmusiker Omar Souleyman anschauen, der auf dem “Boiler Room”-Floor auftritt. “So philosophische Sänger wie Herbert Grönemeyer mögen wir nicht so”, fügen sie noch hinzu. Letztes Jahr seien sie leider nicht dabei gewesen. “Dafür habe ich mich im Nachhinein fast geschämt”, so die 76-Jährige. Es sei wichtig, für mehr Toleranz auf die Straße zu gehen.

Höcke-Plakat im Fokus der Polizei

Kurze Verwirrung gibt es um ein Plakat vom Bündnis Aufstehen gegen Rassimus Chemnitz. Darauf zu sehen ist AfD-Politiker Björn Höcke beim Zeigen des Hitlergrußes. Die Polizei rückt an, denn es liegt eine Anzeige gegen das Bündnis vor wegen des Verdachts auf die Verwendung verfassungsfeindlicher Kennzeichen. Dann aber gibt es Entwarnung. Das Plakat darf verteilt werden.

Auf der großen Bühne spielen neben Joris, Grossstadtgeflüster und Alligatoah auch Tocotronic. Für Bassist Jan Müller und den Rest der Hamburger Band ist die Teilnahme an einem Event wie diesem eine Selbstverständlichkeit. “Das war uns schon immer wichtig, auch wenn viele unserer Songs keine direkte politische Botschaft haben. Wir sind trotzdem immer eine politische Band gewesen. Und aufgrund der jüngsten Ereignisse – nicht nur in Chemnitz, sondern gesamteuropäisch und darüber hinaus – und weil sich Populismus und Extremismus immer weiter ausbreiten, ist das für uns hier eine sehr wichtige Veranstaltung.”

“Flugzeuge im Bauch”

Wie auch für Herbert Grönemeyer, der während seines Gigs, der den offiziellen Abschluss auf der #wirbleibenmehr-Stage bildet, nicht nur eine Brandrede hält. Immer wieder plädiert er für mehr Nächstenliebe und Toleranz. Ein musikalisches Zeichen setzt er gemeinsam mit dem Rapper BRKN aus Berlin und ihrem Anti-Rassismus-Song “Doppelherz/Iki Gönlum” vom letzten Grönemeyer-Album “Tumult”. Um kurz nach 22 Uhr beendet er sein 45-minütiges Set mit “Flugzeuge im Bauch”. Im Publikum ein Meer von Lichtern.

Ein langer Tag, der schließlich auch dank Musikern wie Zugezogen Maskulin, Fatoni, Ruede Hagelstein und Dr. Motte doch Fahrt aufnahm, geht zu Ende. Hier und da wird noch bis in die Nacht weitergefeiert. Chemnitz und #wirbleibenmehr haben gezeigt, dass 50.000 Menschen friedlich miteinander feiern können, ohne Hass und Hetze. Und sie haben gezeigt, dass ein solches Festival eine gute und unterhaltsame Art ist, Flagge zu zeigen. Es ist wohl davon auszugehen, dass die Stadt an diesem Event auch zukünftig festhalten wird.