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Leftfield – Welcome back to the Pleasuredome

Immer wieder werfen Journalisten mit Superlativen um sich, wenn es darum geht, einen interviewten Künstler gebührend einzuführen. Da werden dann schon mal verhältnismäßig junge Talente als Pioniere bezeichnet, wohl in Ermangelung eines passenderen Vokabulars. Im Falle von Leftfield hingegen bleibt einem gar nichts anderes übrig, als auf dieses Wort – Pioniere eben – zurückzugreifen. Alles andere wird dem Act aus London einfach nicht gerecht. Als 1995 das musikgeschichtsträchtige Debütalbum »Leftism« erschien, ging ein experimenteller Ruck durch die Raveszene. Paul Daley (zuvor Mitglied bei A Man Called Adam und den Brand New Heavies) und Neil Barnes gelten seither als Begründer – oder eben Pioniere – der Intelligent Dance Music und konnten nicht nur bei Insidern punkten, sondern auch kommerziell Erfolge verzeichnen. 1999 dann erschien mit »Rhythm And Stealth« das zweite und zugleich letzte Werk des Duos. Darauf zu hören Gäste waren wie Afrika Bambaata und Roots Manuva.

Jetzt, 16 Jahre später, ist Leftfield das Projekt eines Einzelnen. 2002 trennten sich Daley und Barnes. Letzterer hat sich nun wieder an die Arbeit gemacht. Und er legt mit »Alternative Light Source« ein Album vor, das einem Pionier der elektronischen Musik gerecht wird. »Ich bin 2010 und 2011 mit Leftfield um die Welt getourt. Als ich zurückkam, fragte man mich, ob ich nicht Lust auf ein neues Album hätte. In einem Moment geistiger Umnachtung habe ich zugestimmt. Und dann habe ich drei Jahre lang an dieser Idee gearbeitet«, erzählt mir Neil Barnes, als ich ihn an einem Vormittag des späten Aprils in Berlins Prenzlauer Berg treffe. »Ich hatte plötzlich wieder etwas zu sagen – musikalisch. Ich habe in all den Jahren seit der Trennung viel anderes Zeug gemacht, doch das Gefühl, mich auf Leftfield-Art ausdrücken zu wollen, war irgendwie immer da.« Um sich langsam wieder heranzutasten, experimentierte Neil die ersten zehn Monate im Studio mit unterschiedlichen Sounds. Viel hat sich in der elektronischen Musik und ihrer Produktionsweise seit damals verändert. »Ich musste erst mal schauen, wie ein neues Leftfield-Album überhaupt klingen könnte. Einen Masterplan hatte ich allerdings nicht, im Gegenteil. Ich habe mich Track für Track vorgetastet, das Ganze ist langsam gewachsen. ‚Dark Matters‘ war als erstes fertig, damit ging es los und entwickelte sich ganz langsam.« Entstanden ist so eine moderne 2015er-Version des alten Leftfield-Sounds. Energetisch, kraftvoll und experimentierfreudig. Etwas, das es so erst mal wieder herzustellen galt, denn Neil Barnes, inzwischen auch schon ein paar Jährchen über 50, hatte mit Rave- und Clubkultur all die Jahre wenig zu tun. »Ich hatte mich davon verabschiedet – für zehn Jahre. Ich habe mich mit anderen Sachen beschäftigt, eine Familie gegründet, aber auch weiterhin Musik gemacht, vieles ausprobiert. Doch nach der erwähnten Tour kam das Gefühl auf, nicht länger das alte Leftfield-Zeug live spielen zu wollen. Das hat mich gelangweilt, und es klang für mich alles ein wenig altmodisch. Es war einfach Zeit für was Neues.«

Als Musikkonsument war Neil all die Jahre in jede erdenkliche Richtung offen, hat Neues aufgesogen und all das jetzt in seine Arbeit mit einfließen lassen. »Ich höre viel neue Musik, viel mehr als alte Sachen. Ich verfolge, was junge Künstler machen, das interessiert mich sehr. Ich lege noch immer auf, daher kriege ich natürlich viel mit, was auf dem elektronischen Sektor passiert. Ich liebe Techno, und hier hat sich gar nicht so viel verändert. Den Spirit wollte ich unbedingt auch auf dem Album haben, als kleinen Part des großen Ganzen.« Natürlich hat es auch seine Schattenseiten, die Szene früh mitgestaltet zu haben und seither intensiv zu beobachten. Denn schnell wird klar … »… es gibt heute nichts, das nicht schon mal da war. Und trotzdem wollte ich etwas anders machen: Etwas Dunkles, das aber positiv rüber kommt.« Neue Musik hat Neil nicht nur beeinflusst, sondern Elemente daraus finden sich auch in Form von Gastmusikern auf »Alternative Light Source«wieder. Da wären unter anderem Channy Leaneagh von Poliça, Tunde Adebimpe von TV On The Radio und Jason Williamson von der Post-Punk/HipHop-Kombo Sleaford Mods zu nennen. »Mit Tunde wollte ich schon immer mal was machen, seine Stimme passt perfekt zum Leftfield-Sound. Und ich liebe Poliça. Mit Jason ist es dasselbe. Diese Tracks mit so tollen Künstlern zu machen, war super easy.«

Verglichen mit den 90er-Jahren hat sich für Musiker wie auch die Konsumenten ihrer Produkte eine Menge getan. Die Digitalisierung in all ihrer Blüte, zahlreiche neue Produktions- und Vertriebswege … ein Dschungel, in dem sich zurechtzufinden nicht immer einfach ist. Doch Neil ist all die Jahre dran geblieben, und sieht in allem Vor- und Nachteile. »Auf der einen Seite ist das Musikmachen heute absolut fair. Früher war das Produzieren und Veröffentlichen etwas Exklusives und nicht jedem vergönnt. Das ist heute dank Computer und Internet viel demokratischer, und das ist fantastisch. Auf der anderen Seite ist es heute für einen Musiker natürlich viel schwieriger, mit seiner Kunst Geld zu verdienen, was z.B. immer noch an illegalen Downloads oder auch den Streamingdiensten liegt. Trotzdem glauben die Menschen, sämtliche Künstler wären steinreich. Dem ist nicht so. Und das ist der negative Aspekt. Für junge Bands kann das tödlich sein. Und man wird mit neuer Musik bombardiert. Man nimmt sich einfach nicht mehr die Zeit, die Dinge wirklich zu entdecken und richtig kennenzulernen. Ich finde die besten Sachen, wenn ich mich dem Internet fern halte. So bin ich auf Quinn Whalley aka Paranoid London gestoßen. Dessen Zeug kannst du zwar auf SoundCloud hören, doch du kannst es im Internet nicht kaufen. Er veröffentlicht ausschließlich auf Vinyl.«

Im Studio hat Neil Barnes sich den modernen Gegebenheiten gern angepasst, sein Setup seit damals komplett geändert. »Ich nutze eine Menge alte Keyboards, doch ein Großteil entsteht am Computer. Wenn du dir viele erfolgreiche Danceproduktionen anhörst, benutzen alle dieselben Sounds. Das sollte man besser vermeiden, denn es ist deprimierend – und vor allem total langweilig. Auf der anderen Seite braucht man heute kein großes Studio mehr, um Musik zu machen. Viele gute Produktionen entstehen in den Schlafzimmern der Künstler.« Dennoch, wie Neil selbst vorhin schon sagte, war alles irgendwie schon mal da. Sich selbst oder andere nicht zu kopieren, wird mit jedem einzelnen Track schwieriger. »Genau das war die größte Herausforderung, der ich mich stellen musste. Es ist schwer, etwas Neues zu finden, doch es gibt immer wieder Leute, denen das eindrucksvoll gelingt. The xx zum Beispiel, sehr reduziert, sehr minimal, aber neu. Es ist also möglich, auch mit einfachsten Mitteln. Es hängt nur von deinem Konzept, deiner Idee ab. Es werden auch neue Bücher geschrieben. Geschichten, die schon Shakespeare verfasste, werden neu erzählt.«

Zwischen »Rhythm And Stealth« und »Alternative Light Source« liegen nun also 16 Jahre, 13 seit der Trennung vom musikalischen Partner Paul Daley. Dass Neil in dieser Zeit eine Familie gründete, hat er bereits durchblicken lassen. Was sonst noch so passierte … »… war nichts wirklich Interessantes«, gibt er zu. »Ich habe mich in Gitarrenmusik ausprobiert, Indie produziert. Es waren gute Sachen dabei, ich habe Demos gemacht. Veröffentlicht habe ich aber nichts. Und ich habe viel darüber nachgedacht, wie es weiter gehen soll. Es war eine sehr ruhige Phase in meinem Leben.« Es hat allerdings auch eine ganze Weile gedauert, die Trennung von Paul zu verwinden. »Das ist ein bisschen wie das Ende einer langen Liebesbeziehung. Da trennen sich die Wege zweier Menschen, die jahrelang sehr viel Zeit miteinander verbracht und viel erlebt haben. Das ist schon schwierig, ich habe eine ganze Zeit gebraucht, darüber hinweg zu kommen. Aber so ist es im Leben, das gehört eben dazu.« Aufkommende Pläne einer Reunion wurden schnell wieder verworfen – von beiden Seiten. Und so ist Leftfield heute eine One-Man-Show, die würdevoll von Neil Barnes in Szene gesetzt wird und an nichts missen lässt.

www.leftfieldmusic.com

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