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Märtini Brös. – Von Leerphasen und Lehrphasen

1998 löst Gerhard Schröder den nach 16-jähriger Amstzeit scheidenden Helmut Kohl als Kanzler der Bundesrepublik Deutschland ab. In Bulgarien wird die Todesstrafe abgeschafft. Beim Champions-League-Spiel Real Madrid gegen Borussia Dortmund fällt eins der Tore um. Frankreich wird im eigenen Land durch einen 3:0-Sieg gegen Brasilien Fußballweltmeister.

In Freiburg findet unter dem Titel „Lesben und Lesben lassen“ das Lesben-Frühlings-Treffen statt. Was für ein Fest. All das sind mehr oder weniger wichtige Dinge, die man erfährt, sucht man im Netz nach Informationen über das Jahr 1998. Doch noch etwas Entscheidendes begab sich seiner Zeit, das bei Wikipedia zwar mit keiner Zeile erwähnt wird, den Freund elektronischer Tanzmusik hingegen in den folgenden zehn Jahren weitaus mehr berührte: Clemens Kahlcke und Michael Pagliosa aka DJ Clé und Mike Vamp fanden zusammen und bildeten fortan und bis heute das Projekt Märtini Brös. Noch im selben Jahr erschien mit „Material Love“ auf Raw Elements die erste 12Inch des Duos.

Heute schreiben wir das Jahr 2008. Die beiden Berliner haben nicht nur – wie wir alle – zehn Jahre mehr auf dem Buckel, sondern inzwischen auch unzählige weitere Releases vorzuweisen, darunter die Alben „Pläy“ (2002) und „Love The Machines“ (2004) und massive Clubhits wie „The Biggest Fan“ oder „Dance Like It Is O.K.“. Anlässlich ihres Märtini-brüderlichen Jubiläums erscheint jetzt mit „The MB Factor“ Album Nr. 3, das Rückblick und Vorschau, Vergangenheit und Zukunft in sich vereint. Wenige Tage vor der Loveparade in Dortmund, für die die beiden gleich mit einem ganzen Streichorchester auftrumpfen, erwische ich sie in ihrem Studio in der Hauptstadt. Auch wenn ich dort zunächst Tobi Neumann an der sprichwörtlichen Strippe habe. Dieser zeigt sich wenig begeistert von der Idee der Loveparade in der Metropole Ruhr, so als eingefleischter Berliner halt. „Das sagt er nur, weil er nicht da spielt“, versichern mir die Märtinis allerdings lachend.

Wir werfen zunächst einen Blick zurück und versuchen zu erörtern, wie Mike und Clé einst zueinander fanden. Und dies war ein recht langwieriger Prozess, kennen sich die zwei doch bereits weit mehr als die besagten zehn Jahre. Aus den Clubs, durch Freunde, wie das eben so ist. „Das muss Anfang der 90er gewesen sein. Wir kommen beide aus der West-Berliner Clubszene, dort sind wir mehr oder weniger groß geworden. Man konnte sich schlecht aus dem Weg gehen, schließlich gab es nur zwei oder drei gute Läden damals“, erinnert sich Clé. „Mehr oder weniger groß geworden“ ist – ich musste einfach nachhaken – nur als Redewendung gemeint und keinesfalls eine Anspielung auf den Größenunterschied der beiden Bandmitglieder. Mike fügt hinzu: „Ich habe Clé damals dort kennen gelernt, wo Ellen Allien das Mixen gelernt hat, im Fischlabor.“ Erstmalig zusammengearbeitet hat man, als Mike Leadgitarrist der Band Space Cowboys war und Clé dort tatsächlich bei einem Song mal im Background den Refrain gerappt hat. Ein musikalischer Ausritt, den Clé trotz mehrmaligen Bittens meinerseits an dieser Stelle leider nicht noch einmal präsentieren möchte. Initialzündung für die spätere Projektgründung war dann aber doch eher die Arbeit an der elektronischen Vertonung der Mozart-Oper „Don Giovanni“unter der Regie von Katharina Thalbach, die einst im Berliner E-Werk aufgeführt wurde. „Hier hatte Mike mich gebeten, ihn bei der Umsetzung einiger Teile zu unterstützen“, berichtet Clé, und so ergab es sich also, dass man erstmalig für längere Zeit zusammen im Studio saß, sich austauschte und schnell einen gemeinsamen Nenner fand, der wenig später dann als Märtini Brös. an den Start ging. Heute, zehn Jahre später, sprechen wir über Album Nr. 3, das Mike gern als „eierlegende Wollmilchsau“ bezeichnet. „Wir wollten kein Greatest-Hits-Ding machen und zum hundertsten Mal Songs wie ‚Dance Like It Is O.K.’ im Original drauf haben, sondern vielmehr die Stücke, die für uns bis heute immer noch sehr relevant sind, die aber selbst oder auch in Form bestimmter Remixes ein bisschen untergegangen sind. Wie zum Beispiel den Prins Thomas Remix von ‚(She’s) Heavy Metal’, den ich persönlich nie in einem Club gehört habe“, erläutert Mike die Auswahl der älteren Tracks und Versionen, die sich am Ende paaren mit sechs gänzlich neuen Tunes und zwei überarbeiteten Versionen von „Tanzen“ und „Der Weg“. Clé und Mike fassen zusammen: „Es ist also eine Compilation-Best-Of-Mini-Maxi-EP-Remix-Unreleased-Special-Edit-CD, vorerst streng limitiert auf 2008 handnummerierte Exemplare. „Schauen wir mal, wie reißend der Absatz ist, dann gibt es das vielleicht auch noch mal unlimitiert. Aber erst mal müssen die 2008 weg“, so Clé, und Mike wirft bezüglich des zusätzlichen Digitalreleases ein: „Wenn mal alle 19 Tracks des Albums kauft, bekommt man den Mix dazu.“ – „Nicht umgekehrt? Wenn man den Mix kauft, bekommt die 19 Tracks dazu?“ fragt Clé. Man ist sich uneinig. Selten genug. Wie ich im Anschluss an das Interview herausfinde, gibt es bei sämtlichen Anbietern die 19, auf CD gemixten Tracks als Einzeldownloads in ungekürzter Länge, und nur bei iTunes bekommt man zum Kauf aller Tunes den Mix noch kostenlos dazu. Trotz aller Vorteile es digitalen Vertriebsweges möchten die Herren Märtini aber auch keineswegs auf Vinyl verzichten. „Ein paar Tracks, die in den kommenden Monaten besonders herausstechen, werden wohl noch mal Remixes bekommen. Weitere Tracks sind außerdem noch in der Mache, u.a. etwas mit Eric D. Clark. Ich habe gerade erst gelesen, dass Vinyl wieder einen regen Absatz findet“, erzählt Mike, und auch Clé pflichtet ihm bezüglich der nach wie vor großen Bedeutung der schwarzen Scheibe bei.

Jetzt aber erst mal also CD und digital, und das Ganze unter dem Titel „The MB Factor“. Doch wie lässt sich der MB-Faktor denn in Worte fassen, wenn man das Album gerade nicht zur Hand hat? „Viele Ingredienzien wohltemperiert und gut ausgewogen in Musik gegossen. Tanzbeats jeglicher Couleur gepaart mit schönen Melodien und tollen Arrangements – das ist der MB-Faktor“, erklärt mir Clé ganz besonders wortakrobatisch. „Man kommt natürlich nicht umhin, bei Factor ein wenig an Factory zu denken. Und das sind halt alles Produktionen aus unserer Factory“, fasst es Mike zusammen und gibt auch gleich zu, dass die Suche nach dem Titel eine Weile gedauert hat und alles andere als einfach war. „Wir mussten uns selbst um den Schlaf bringen, da haben wir ja keine Leute für.“ – „Zwei Wochen lang ging das hin und her…“ – „Bio Produkt war auch eine Idee, es kamen schon komische Blüten zutage in dieser Phase.“

Zehn Jahre Märtini Brös.? Wie verändert einen der Erfolg, der Projekt an sich, die Zusammenarbeit, die Zeit im Ganzen und im Allgemeinen, die Veränderungen im Nachtleben, das steigende Alter… „Das ist unabhängig davon, wie alt man ist, denn Musik kann man immer machen. In Sachen Clubben ist das schon eine ganz andere Geschichte. Es gibt bestimmte Rituale, die in den Clubs immer funktionieren. Und wenn diese Rituale anfangen, sich zu wiederholen, dann bin ich schon raus aus dem Laden. So morgens um sieben oder um acht. Wir machen Musik und möchten inspiriert werden, aber wenn das dann alles stagniert, macht das keinen Sinn. Doch die Clubbesitzer sind schon stets bestrebt darin, sich immer wieder neue Sachen einfallen zu lassen. Rein musikalisch ist das natürlich sehr subjektiv. Wenn die Bassdrum scheiße ist, dann gehe ich“, bringt Mike sein aktuelles Konsumverhalten im Berliner Nightlife auf den Punkt. „Etwas, dass sich bei uns musikalisch natürlich im Laufe der Jahre verändert hat, ist das technische Know-How in Sachen Produktion, insbesondere bei Mike“, zäumt Clé die Frage von der Macherseite her auf. „Das Produzieren macht genauso viel Spaß wie früher, nur dass man jetzt ein bisschen mehr in die Tiefe geht. Auch das Livespielen bereitet uns nach wie vor viel Freude, und stets nehmen wir davon was mit ins Studio und setzen es mehr oder weniger gekonnt wieder um.“ – „Du meinst den Regen aus der Schweiz von gestern?“ – „Ja, ich denke, der wird sich auch bei uns irgendwo wieder finden. Wir sind ja keine plastic people, wir sind ja Menschen mit Emotionen“, führt Clé den Gedanken weiter fort. „Insofern ist es das, was uns immer wieder rockt. Da hat sich nicht viel geändert.“ – „Natürlich hatten wir in den letzten zehn Jahren auch Lehr- und Leerphasen, das ist klar. Die Lehrphasen betreffen in erster Linie unsere Liveauftritte und den Umgang mit dem Publikum. Die Leerphasen passieren, wenn du eine lange Zeit ganz viel gemacht hast, das ist wie eine Sinuskurve beim Moog, die schwingt hoch, aber auch mal wieder runter. In diesem Zeiten haben wir uns aber immer super gegenseitig unterstützt.“ Besonders wichtig war das, als das Wort Leere eine ganz neue Bedeutung für die beiden bekam. Damals wurde nämlich in ihr Studio eingebrochen und alles mitgenommen, das nicht niet- und nagelfest war. Unnötig zu erwähnen, dass die Täter nie gefasst wurden. „Im Oktober 2005 haben sie uns alles ausgeräumt und alle analogen Geräte mitgenommen. Das hat uns äußerst wehgetan. Da hatte ich echt das Gefühl, dass wir jetzt aufhören. Es hat lange gedauert, bis wir aus diesem Tal, aus dieser Depression wieder herausgekommen sind“, erinnert sich Clé und wird nach wie vor schwermütig angesichts dieses dunklen Punktes in der Geschichte der Märtinis. Gott sei Dank haben Clé und Mike aber die Kurve doch irgendwann gekriegt und wollen so auch in zehn Jahren – also im Jahr 2018 – noch mitmischen. Wie das dann genau aussieht, weiß ich nicht, eine erste Prognose gibt es aber bereits: „Es wird alles noch teurer sein als heute, die Chinesen werden uns überrollen, und wir beide werden mittlerweile andere Musik machen, denke ich. Es gibt noch viel auszuloten jenseits des 4/4-Takts. Wir sind noch lange nicht fertig.“

Mike über Clé: Clé ist ein echter Pünktlichkeitsfanatiker. Das ist so schlimm, dass er auch schon mal drei Stunden vor Abflug am Flughafen sein will.

Mike über Clé: Ich bewundere seine Gabe, mit Worten umzugehen. Clé ist auch sehr belesen. Ich selbst muss gar nicht so viel wissen, ich frage ihn und er spuckt es einfach aus.

Clé über Mike: Mike ist extrem unpünktlich. Da bin ich auch schon mal äußerst verärgert, das geht aber auch schnell wieder vorbei. Sein Zeitmanagement ist aber auch schon alles, was mich stört.

Clé über Mike: Ich schätze sein großes Wissen, was Produktionsmechanismen angeht. Er hat eine Engelsgeduld mit mir und die Gabe, im richtigen Moment nachzugeben.

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