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Max Herre über Vaterliebe und Wehleidigkeit

Viele hatten schon nicht mehr daran geglaubt. Gelegentlich nicht einmal er selbst. Doch sieben Jahre nach “Hallo Welt!” veröffentlicht Max Herre mit “Athen” ein neues Studioalbum. Mit n-tv.de hat der 46-Jährige übers gelegentliche Scheitern und die Crux mit dem eigenen Ego gesprochen.

Sieben Jahre sind vergangen, seit Max Herre mit “Hallo Welt!” sein drittes und vorerst letztes Studioalbum veröffentlichte. Ein Jahr später erschien noch die “MTV Unplugged Kahedi Radio Show”, dann kam lange nichts. Bis jetzt.

Zwar hat Herre in der Zeit dazwischen weder Wein angebaut noch Schafe gezüchtet, sondern durchaus Musik gemacht und mit dem Gedanken an einen weiteren Longplayer gespielt. Doch ging er ein ums andere Mal Wege, die sich alsbald als falsch herausstellten. Mit “Athen” beweist der 46-Jährige nun aber, dass er zurück in die Spur gefunden und das Songschreiben nicht verlernt hat. Lyrisch gewährt er einen ungewohnt persönlichen Blick in sein Innerstes. Genau das, was er zu Beginn eigentlich gar nicht wollte, wie er n-tv.de im Interview erklärte.

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n-tv.de: Sieben Jahre sind nicht nur im schnelllebigen Musikbusiness eine ganz schön lange Zeit. Manch einer ist da schon in Vergessenheit geraten …

Max Herre: Ich brauche halt immer relativ lange, um etwas zu finden, das mir gefällt oder bei dem ich das Gefühl habe, jetzt wird’s ernst und dringlich für mich. Das war dieses Mal auch so. Ich habe lange beim Produzieren in eine andere Richtung geschaut und unter anderem viel Ethio-Jazz-Sachen ausprobiert. Diese Instrumentals lagen dann lange rum und wurden nie betextet, weil es mir nicht gelang. Dann habe ich sie weggesperrt und Anfang 2017 angefangen, an den Texten für “Athen” zu arbeiten. Seit September 2018 haben wir das Ganze ausproduziert und plötzlich waren sieben Jahre vorbei.

Dass du deine Fühler in verschiedene musikalische Richtungen ausgestreckt hast, ist auch auf “Athen” zu hören. Was war es, das dich dabei am meisten beeinflusst hat?

Vor vier Jahren war Jazz wieder ein bisschen der Sound der Stunde – mit Kamasi Washington, dem Kendrick-Lamar-Album – und ich hatte ein paar Gigs mit Gregory Porter gespielt, was sehr interessant war, weil die Band extrem frei spielt, wenn er mal nicht am Mikrofon steht. Ich wollte meine Songs auch mehr aufbrechen und in dieser Farbe Sachen machen. Es gibt aber auf Deutsch überhaupt keine Sprache für solch eine Art von Musik. Es wäre also der Ansatz gewesen, die zu erfinden, wie man auf Deutsch immer alles erstmal erfinden muss. Aber das habe ich eben nicht geschafft. Schließlich habe ich mich von der Vorstellung gelöst, dass es ein bestimmter Sound sein muss. Das war sehr befreiend.

Dafür hat das Album inhaltlich eine gewisse Stringenz, ein Thema – nämlich dich selbst.

Ich habe erst sehr im Außen geguckt. Ich war unter anderem in Addis Abeba in Äthiopien, weil ich so Ethio-Jazz-begeistert war. Die Idee war, von mir selbst wegzugehen und wie ein Feldreporter Geschichten zu finden – vor Ort, von den Leuten. Das ist mir nicht geglückt. Die Konsequenz daraus war, dass ich mich doch trauen musste, bei mir selbst mal wieder hinzugucken und mich mit mir auseinanderzusetzen. Am Anfang fand ich es am uninteressantesten, wieder eine Platte zu machen, bei der ich über mich rede. Es gibt wirklich interessantere Dinge – und Menschen vor allem. Also habe ich überlegt, wie es machen kann, sodass es auch mir gefällt. Die Texte haben sehr viel mit Erinnerungen zu tun.

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Schlussendlich will der Fan doch sowieso lieber etwas Persönliches von seinem Künstler. Eben etwas, mit dem er sich identifizieren kann und das seine eigene Gefühlswelt widerspiegelt.

So schlau war ich eben nicht am Anfang. (lacht) Ich hatte Angst, dass es irgendwie langweilig wird. Aber tatsächlich ist es so, dass wir ähnliche Dinge erleben und durch ähnliche Phasen gehen im Leben. Es ist völlig egal, ob die Geschichte im Song spezifisch ist, das Gefühl, das er transportiert, ist ein universelles. Deswegen sind die persönlichsten Platte auch die, die den höchsten Ausschlag bei anderen verursachen.

Der Albumtitel “Athen” verrät auf den ersten Blick allerdings gar nicht allzu viel Persönliches.

Es ist eine Metapher für die Suche und die Erinnerungen. Aber es ist auch ein Ort, der in meiner Biografie existiert, denn mein Vater hat in den 1980er-Jahren in Athen gelebt. Ich war viel mit meiner Familie dort. Der älteste Bruder meiner Mutter ist da geboren, mein Großvater lebte dort. Athen spielte immer eine große Rolle im Kosmos unserer Familie. Bei dem ersten Song beschreibe ich außerdem eine Beziehung zu einer Deutsch-Griechin, die ich vor Jahren hatte. So war die Stadt auch ein Sehnsuchtsort. Der Charakter von guten Geschichten ist, dass es Bruchstellen gibt, an die man geht und bei denen man sich fragt, was da los war und wie es gewesen wäre, hätte man sich anders entschieden.

Eine Frage, die sich wohl jeder in seinem Leben mehr als einmal stellt …

Eben. Für einen Songwriter ist es eine gute und wichtige Frage, weil sich an den Gabelungen die Geschichten verbergen, die man noch nicht erzählt hat.

Einer der persönlichsten Songs auf dem Album ist “17. September”, eine an deinen Vater gerichtete Liebeserklärung.

Genau. Jeder, der ihn hört, hat sofort seine eigene Geschichte damit. Genau darum geht es, etwas zu tun, das verbindet und worin man sich wiederfindet. So geht es mir ja auch mit der Musik, die ich höre.

Wie war die Reaktion deines Vaters darauf?

Ich habe mich lange geziert, ihn ihm zu zeigen. Aber man kann ihn nicht ewig verstecken, wenn er auf einer Platten landen soll. Es war dann aber total schön, denn es war eine Einladung zu einem Gespräch und hat eine Tür aufgestoßen. Mein Vater sitzt immer sehr lange nachts am Rechner. Ich hatte mir abends ein bisschen Mut angetrunken und ihm eine Mail zu einem anderen Thema geschrieben. In einem Nebensatz habe ich dann geschrieben: “Ach, hier ist übrigens der Song” und ihn angehängt. Es kam eine sehr schöne und lange Mail zurück. Aber es verlässt in dem Moment, in dem man es veröffentlicht, den geschützten Raum. Ich glaube, das ist so ein bisschen das Problem, was Angehörige von Schriftstellern und Musikern haben: dass sie irgendwann Gegenstand der Kunst werden. (lacht)

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Demzufolge fehlte ja über viele Jahre eine gewisse Gesprächskultur zwischen dir und deinem Vater. Versuchst du, diese Schranken bei dir und deinen Kindern gar nicht erst entstehen zu lassen?

Ich glaube, wir sind schon eine viel offenere Generation, dadurch aber auch wehleidiger. Wir sind viel durchlässiger, auch was unsere Kinder angeht. Ich wünsche mir zumindest, dass man da im Gespräch ist. Dass sie sich im Leben nicht allein gelassen fühlen. Unsere Eltern sind sehr für sich mit ihren Themen. Meine Eltern zumindest machen alles mit sich selbst aus. Meine Mutter kommt aus einer Familie mit zwölf Geschwistern, da war es nicht möglich, dass sich jeder ständig nach vorne spielt. Ich glaube, das ist ein bisschen in die Art übergangen, wie sie uns erzogen haben. Ich bin vielleicht auch Musiker geworden, weil ich viel Redebedarf habe, was die eigenen Wehwehchen angeht. (lacht)

Du bist mit Joy Denalane zum zweiten Mal sehr lange zusammen. Habt ihr bei der Fortsetzung eurer Beziehung irgendwas anders gemacht, um nicht erneut zu scheitern?

Man weiß beim zweiten Mal mehr, worauf man sich einlässt. (lacht) Man gibt sich viel Mühe, die Dinge anders zu machen, aber ob man das hinkriegt, steht auf einem anderen Blatt. Es geht darum, sich mit der Idee anzufreunden, dass man zusammen so ist, wie man ist, und dass sich das auch nicht nochmal um 180 Grad ändert. Es geht eher um Milde und Akzeptanz als um einen ganz neuen Entwurf.

Aber zumindest arbeitet ihr nicht mehr so viel zusammen wie früher, oder?

Das haben wir einen Tick entzerrt. In der ersten Phase unserer Beziehung haben wir wirklich alles zusammen gemacht. Tatsächlich habe ich auch ihre Platten mit ihr zusammen geschrieben und sie produziert. Wir waren ständig gemeinsam auf Tour. Wir spielen auch jetzt noch häufig zusammen, aber wir haben getrennte Produktionszyklen. Ihre letzte Platte habe ich nochmal mitproduziert, aber nächstes Jahr kommt eine neue, die hat sie in einer anderen Konstellation gemacht. Das ist weniger intensiv als in den ersten Jahren. Und als junger Musiker nimmt man Dinge so unglaublich ernst. Die Lautstärke einer Snare entscheidet dann über Seelenheil oder Mord und Totschlag. Das ändert sich mit dem Alter auch ein bisschen. (lacht)

Auf Tour wird sie also wieder dabei sein? Wie vielleicht auch ein paar der anderen Gäste, die auf dem Album vertreten sind wie Trettmann, Megaloh und Dirk von Lowtzow.

Je nach Spielstätte vielleicht. Es gibt eine tolle Band. Und eine Sängerin namens Rachel, die alle Parts singen kann. Dazu haben wir einen Keyboarder, Operator und Sänger namens Gabriel. Eigentlich können wir alles in dieser Konstellation spielen. Insgesamt sind wir acht Leute auf der Bühne – plus eventuelle Gäste.