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Noel Gallagher’s High Flying Birds

Anfang Dezember tritt Noel Gallagher zu seinem einzigen Deutschlandkonzert 2011 im Kölner Palladium an und überzeugt mehr durch seine akustische als eine physische Performance. Als Ende August 2009 die Meldung über die nach jahrelangen, öffentlich ausgetragenen Querelen zwischen den Gallagher-Brüdern Noel und Liam nun doch und vielleicht auch endlich vollzogene Trennung von Oasis die Runde macht, sind die Reaktionen seitens ihrer Fans sicherlich nicht mit denen der vor sich hin pubertierenden Girlies beim Split von Take That 1995 zu vergleichen.

Dennoch hat die Auflösung der Band manchen Anhänger ihres seinerzeit den Britpop aufs Tableau getragenen Stils ein wenig verzweifelt zurückgelassen. Immerhin haben Oasis Musikgeschichte geschrieben und mit ihren brüderlichen Streitereien die Schlagzeilenhitliste der Gazetten angeführt. Umso erfreulicher, dass mit zwei Gallagher-Brüdern auch gleich zwei neue Bands anstreben, die so entstandene Lücke zu füllen. Den Anfang machte im Februar 2011 Liam mit Beady Eye und einem soliden, wenngleich aber sicherlich nicht wegweisenden Album.

Seit Oktober steht mit „Liam Gallagher’s High Flying Birds“ nun auch der große Bruder mit einer doch überzeugenderen Platte in den Läden. An einem Sonntagabend Anfang Dezember stellt Noel eben dieses Werk beim einzigen Deutschlandkonzert ausgerechnet in Köln vor. Schon allein das ist bemerkenswert, fällt die Wahl für ein solches Event sonst doch meist auf die Hauptstadt. Die Berliner müssen sich – wie auch die Hamburger und Münchner – noch bis zum nächsten Frühjahr gedulden. Und Geduld ist tatsächlich gefragt, sei doch an dieser Stelle schon einmal verraten, dass Noel Gallagher und die anderen Vögel ein wahrlich in sämtlichen belangen überzeugendes Konzert abliefern an diesem Abend. Wegen großer Nachfrage vom E-Werk ins gegenüberliegende Palladium verlegt und auch hier ausverkauft. 4.000 Menschen folgen somit seiner Einladung, darunter die eine oder andere Liam-Gedächtnisfrisur, zahlreiche verzweifelt britisch aussehen wollende Neo-Mods, die typischen Schleimer im Manchester United-Trikot, aber auch gefühlt jeder im Umland ansässige Engländer, um sich ein Stück Heimat ins Exil zu holen. Im Übrigen ist ein enormer Männerüberschuss zu verzeichnen. Das Geschlechterverhältnis dürfte bei den Beady Eye-Konzerten etwas ausgeglichener gewesen sein. Oasis-Fans sind sie jedenfalls alle, der Großteil hatte wohl auch Liam früher in diesem Jahr einen Besuch abgestattet, so dass man während des Konzerts und danach so manchen Gast Vergleiche ziehen hören kann – die alle restlos Pro-Noel ausfallen.

Nach einem netten aber auch etwas bedeutungslosen Vorspiel von The Electronic Soft Parade betreten Noel und seine vier Mitstreiter pünktlich um 21 Uhr die Bühne des Palladiums. Zwar sind diesem Konzert schon einige in Übersee und Großbritannien vorausgegangen, dennoch scheint sich Noel, bei Oasis stets der Mann am Rand und zumindest auf der Bühne im Schatten des kleinen Bruders, an seine neue Rolle als erster Frontman noch nicht gewöhnt zu haben. Die Gitarre fest im Griff wird er auch über die nächsten eineinhalb Stunden zumindest physisch keine besonders aufregende Performance hinlegen. Der Rest der Band auch eher unaufgeregt – einer im „A Clockwork Orange“-Look (Schlagzeug), ein anderer wie eine britische Ausgabe von Jogi Löw aussehend, obwohl er der einzige Amerikaner auf der Bühne ist (Gitarre). Mehr als ein „Hi“ hat Noel fürs Publikum dann erst mal nicht über, ehe er vor dem riesigen Bandlogo aus LED-Lichtern direkt die ersten Töne von „(It’s Good) To Be Free“ anstimmt. Dankbar nimmt die Menge das Angebot an, denn insgeheim hatte wohl ein jeder auf das eine oder andere Oasis-Stück gehofft. Dass es jedoch direkt mit „Mucky Fingers“ und damit einer weiteren Oasis-Nummer weiter geht, wirkt fast ein klein wenig feige. Schließlich dürfte Noel aus der Vergangenheit wissen, dass Oasis-Fans textsicher sind und die Songs von Anfang bis Ende mitsingen. Das auszunutzen, um sein Solo-Programm auf sichere Füße zu stellen, ist vielleicht diskussionswürdig. Schließlich wäre es überhaupt nicht nötig gewesen, denn als man mit „Everybody’s On The Run“ das erste Stück vom neuen Album spielt, sind die Chöre lauter als zuvor, und es scheint, als beginne erst jetzt das eigentliche Konzert. Ihm folgen einige weitere Stücke der High Flying Birds, alle in der vom Album bekannten Reihenfolge, dafür aber weitaus kraftvoller – beinahe stadiontauglich – noch um einiges enthusiastischer als auf dem Datenträger namens CD. Hervorzuheben sind hier das poppige „If I Had A Gun“ und das tragische „The Death Of You And Me“. Mit „Freaky Teeth“ gibt es dann auch noch ein gänzlich neues Stück hinterher, dem man zunächst auf Fanseite skeptisch gegenübersteht, ehe man es ebenso frenetisch feiert wie den Rest.

Ob es Noels Schüchternheit, seiner mangelnden Erfahrung als Frontman oder einer gewissen britischen Arroganz zuzuschreiben ist, dass er so gut wie keine Ansagen macht, sich wenn überhaupt nur kurz und wortkarg bedankt und mit dem Publikum sonst kaum interagiert – man weiß es nicht. An dieser Stelle ist es jedenfalls mal wieder Zeit für ein bzw. zwei Oasis-Songs, und diese – „Wonderwall“ und „Supersonic“ – sorgen in einer Aktustikversion für Begeisterungsstürme und sicherlich auch Gänsehaut. Es folgen „(I Wanna Live In A Dream In My) Record Machine“ und die Techno-Hommage „AKA … What A Life“ – das wohl tanzbarste Stück des Abends – drei weitere Albumsongs sowie mit „Talk Tonight“ und „Half The World Away“ noch zwei Oasis-Nummern, ehe das Ende des Konzerts bzw. die kurze Pause vor der Zugabe eingeleitet wird. Diese hält dann gleich noch einmal dreimal Oasis in Folge bereit. Insbesondere „Don’t Look Back In Anger“ als Abschluss ist klug gewählt und hinterlässt 4.000 vor Glück strahlende Gesichter, deren Licht auch der beim Verlassen der Halle auf sie niederprasselnde Dezemberregen nicht löschen kann.

Fazit: So positiv das Publikum auch das Solo-Album Noels aufgenommen hat, am Ende waren es wohl doch die alten, ingesamt neun Oasis-Nummern, die sie restlos glücklich gemacht haben. Kein Wunder also, dass auch Liam für die Tour zum geplanten zweiten Beady Eye-Album ein ähnliches Konzept plant, hat man bisher doch darauf verzichtet. Allerdings kann man dann wohl davon ausgehen, dass das Mischungsverhältnis zwischen alt und neu aufgrund der nur wenigen Liam-eigenen Oasis-Hits wesentlich unausgeglichener als an diesem Abend sein dürfte.

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