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Róisín Murphy – Fluch und Segen

Acht Jahre sind eine lange Zeit, in der sehr viel passieren kann. Wie im Leben von Róisín Murphy viel passiert ist, seit sie 2007 mit »Overpowered« ihr vorerst letztes Album veröffentlichte. Acht Jahre voller Liebe, Leid und Leidenschaft – und genug Gründen, die Produktion eines weiteren Longplayers auf die lange Bank zu schieben. Bis jetzt. Mit »Hairless Toys« erscheint am 8. Mai das neue Werk der gebürtigen Irin, und es ist nicht nur das dritte, sondern auch das stärkste ihrer bisherigen Karriere.

Diese begann einst als Teil des legendären Triphop-Duos Moloko. An der Seite von Mark Brydon veröffentlichte sie zwischen 1994 bis 2003 vier Alben. Den internationalen Durchbruch feierten die zwei dank eines Remixes von Michi Lange und Boris Dlugosch, der die Single »Sing It Back« zum Hit des Sommers 1999 machte – und zu einem Evergreen. Ende November 2003 dann der letzte öffentliche Moloko-Auftritt. Von da an ist die in London lebende Murphy allein unterwegs. 2004 erschien mit »Ruby Blue« ihr erstes Soloalbum, 2007 dann das bereits erwähnte zweite Werk »Overpowered«. Seither war es nach einigen Konzerten und zwei Einzelsingles – »Momma’s Place« (2010) und »Simulation« (2012) – eher ruhig um Róisín Murphy als Solokünstlerin. »Ich habe zwei Kinder bekommen. Heute bin ich mit dem Vater des ersten Kindes nicht mehr zusammen. Das hat mich Einiges an Kraft gekostet, denn es hat mir damals das Herz gebrochen,« erzählt mir Róisín ganz offen, als wir uns auf einen Kaffee im Lounge-Bereich des 25Hours Hotels mit Blick auf den Berliner Zoo zusammensetzen. »Ich stand eine ganze Weile unter Schock … und dann habe ich mich wieder verliebt. Ich konnte mein Glück kaum fassen und war mehrere Jahre damit beschäftigt, mich dem ganz hinzugeben. Mit diesem Mann bekam ich dann das zweite Kind, und wir sind auch heute noch ein Paar.« Brigante ist sein Name, und nicht nur privat haben die beiden einiges gemeinsam. 2013 gründeten sie das vom Sound Italiens inspirierte Projekt Mi Senti und veröffentlichten als solches eine EP. Für Róisín ein erster Schritt zurück in Richtung Karriere und neuem Album. »Auch mein langjähriger Studiopartner Eddie (Stevens) war dabei, und diese Arbeit hat mir gezeigt, dass es wieder funktionieren kann. Dass wir wieder zusammen im Studio arbeiten können.« Das wiederum führte zu der Erkenntnis, dass die Zeit reif ist für ein neues Murphy-Album. Anders als noch bei »Overpowered« sind sie es locker angegangen, ohne vorherige Absprachen, ohne ein Konzept. »Da war nur diese sehr enge Beziehung zwischen Eddie und mir. Wir sind wie Bruder und Schwester und teilen so viele Erfahrungen und Erlebnisse miteinander und vor allem eine lange musikalische Geschichte. Das alles hat diese Platte natürlich schon geprägt.« Und so fühlte sich die Zeit im Studio an, wie nach Hause zu kommen. »Natürlich habe ich die Arbeit in den letzten Jahren wahnsinnig vermisst. Der Song ‚Uninvited Guest‘ handelt zum Beispiel von den Tagen, die ich umher wanderte und zu wenig zu tun hatte. Ich habe mich ziemlich verloren gefühlt, eben wie ein nicht eingeladener Gast. Von diesen Tagen gab es sehr, sehr viele.« Nicht arbeiten zu können, kann Menschen depressiv machen. »Und dabei ging es nicht allein ums Musikmachen, eben ums Kreativsein überhaupt. Videos zu produzieren, Live-Shows auf die Beine zu stellen … Menschen in Berlin für Interviews zu treffen. All das hat mir gefehlt. Das Aufregende, das all das mit sich bringt.«

Nun ist Schritt eins auf der Liste der zu erledigenden Dinge getan: Das Album ist fertig. »Hairless Toys« ist ein Titel, der auf den ersten Blick keinen Sinn macht. Und auch nicht auf den zweiten. »’Hairless Toys‘ ist aus einen Missverständnis heraus entstanden. Wir mussten die einzelnen Stücke anfänglich irgendwie benennen, und ich sagte eigentlich ‚Careless Talk‘. Doch Eddie verstand ‚Hairless Toys‘. Als ich das las, dachte ich sofort, dass das ein fancy Albumtitel sei. Also haben wir das so übernommen.« Damit deutet der Titel definitiv auf nichts hin, das Róisín beim Schreiben der Songs bewegte, doch ist ihre Hauptinspiration das Leben an sich und als solches. »Sogar die langweiligsten Tage können inspirierend sein. Manchmal setze ich mich zum Schreiben hin ohne eine einzige Idee im Kopf. Ich beginne, mit Worten zu spielen, herumzuprobieren, und Dinge zusammenzubauen. Am Ende entsteht etwas. Denn das Leben ist zwar die Inspiration, doch sich hinzusetzen, und daraus etwas zu machen, ist die eigentliche Arbeit.« Gab es in der Vergangenheit immer wieder Murphy-Songs mit anderen Künstlern wie David Morales, Boris Dlugosch und Matthew Herbert, ist »Hairless Toys« ein Album, dessen Entstehung allein in Róisíns und Eddies Hand lag. »So ist es schlicht am einfachsten. Die Prozesse sind simpler, man hat alles, was passiert, unter Kontrolle. Du bist der Boss. Das war das erste Mal so und eine großartige Erfahrung«, erklärt sie die bewusste Entscheidung, auf Kollaborationen zu verzichten.

Róisín ist jetzt 41 Jahre alt, Mutter zweier Kinder und lernte das Musikbusiness in einer Zeit kennen, als digitale Downloads und Social Media noch kein Thema waren. In den letzten acht Jahren ist auf diesem Sektor viel passiert, den Anschluss hat sie aber nie verloren. »Ich kann darin viel Negatives, aber auch Positives erkennen. Schlimm finde ich es, wenn ich mich selbst nachts im Bett dabei erwische, wie ich mein Smartphone in der Hand halte und E-Mails checke. Auf der anderen Seite aber liebe ich den direkten Kontakt mit den Fans, mit ihnen kommunizieren zu können. Es ist toll, nicht mehr allein von Musikkritikern oder der Gnade der Radioleute abhängig zu sein, wenn ich meine Musik mit anderen teilen und deren Meinung hören möchte. Ich selbst kann bei SoundCloud einen Song hochladen und die Leute dürfen mir offen und ehrlich ihre Meinung dazu sagen. ‚Du bist fantastisch, Róisín.‘ – ‚Ich liebe dich, Róisín.‘ Das ist toll«, lacht sie, lässt sich von wenigen negativen Stimmen aber auch nicht von ihrem Weg abbringen. »Wenn alle etwas scheiße fänden, das ich mache, würde es mich verletzen. Aber wenn es nur vereinzelte Kommentare sind, kann ich da ganz gut mit umgehen. Früher konnten sich nur wenige Musikjournalisten öffentlich zu etwas äußern. Mehr als fünf oder sechs Rezensionen im Englischen gab es meist nicht. Wenn dann drei oder vier nicht gut sind, ist das schon hart. Heute poste ich was Facebook, erreiche 300.000 Leute damit und erhalte viele Reaktionen darauf. Das scheint mir objektiver zu sein, und das tut mir gut.« Und aus diesem Grund kümmert sich Róisín selbst um ihre Profile, anstatt dafür jemanden zu beschäftigen. Und doch fällt es ihr schwer, ihren Kindern den richtigen Umgang mit dem Internet beizubringen. »Ich weiß nicht, wie es wirklich richtig ist. Im Moment ist es noch nicht so ein Thema, aber das wird auf mich zukommen. Dei beiden sehen, wie ich damit umgehe, und sie sehen meinen Partner, der den ganzen Tag am Computer sitzt. Es ist sein Job, er macht Musik, pflegt sein Facebook-Profil und so weiter. Die Kinder sehen uns beide den ganzen Tag auf Bildschirme starren. Sie werden es uns gleich tun wollen, und für mich als Mutter ist das ein Minenfeld. Ich weiß noch nicht, wie ich das Problem löse.«

www.facebook.com/roisinmurphy

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