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Rone – Kreatur des Wandels

Es ist erst ein paar Tage her, dass in Paris zwei islamistisch Verwirrte einen tödlichen Anschlag auf die Redaktion des Satiremagazin Charlie Hebdo verübten. Frankreich steht angesichts dieser Grausamkeit und des Terrors trotz allen Trotzes unter Schock. 1.000 Kilometer weiter nordöstlich treffe ich mich zum Interview mit Erwan Castex.

Wir sind in Berlin, eine Weile Wahlheimat des 34-jährigen Franzosen, und heute ein Ort, an dem beinahe täglich Demonstrationen, Mahnwachen und andere Solidaritätsbekundungen für die Opfer des Anschlags stattfinden. Ein Schulterschluss für den Frieden, gegen den Terror. Für einige Promotermine hat Erwan seine Heimat Paris verlassen, denn am 6. Februar veröffentlicht er als Rone sein drittes Album „Creatures“ auf Infiné.

„Es ist wirklich schockierend, was da passiert ist. Wir konnten das alle gar nicht fassen. Frankreich ist ein Land, in dem Freiheit schon immer groß geschrieben wird. Dieser Angriff hat uns schwer getroffen“, erzählt mir Erwan, als wir im Büro der deutschen Infiné-Vertretung irgendwo in Mitte sitzen. „Doch was seither passiert, ist absolut fantastisch. Die Reaktionen, die Solidarität auf der ganzen Welt, das ist wirklich toll. Und es macht Mut.“ Ganz ausgeschlossen ist es für Erwan nicht, dass sich ein Erlebnis wie dieses, die veränderte Atmosphäre in seiner Heimatstadt, irgendwann auch in einer oder mehreren seiner Produktionen widerspiegeln. Frei machen kann er sich davon nicht, denn alle Erlebnisse, alle Gefühle, nimmt er mit ins Studio: „Zwar kommen mir viele Ideen erst, wenn ich an meinen Maschinen sitze, aber ich nehme unterbewusst natürlich vieles auf und verarbeite es dann in meiner Musik. Oder sagen wir es so: Die Idee, die ich habe, ist nicht direkt greifbar. Es ist mehr ein Gefühl, eine Ahnung, eine ungefähre Richtung.“

Rund sechs Jahre ist es her, dass Rone mit „Spanish Breafast“ sein Debüt und damit auch sein erstes Album auf Infiné veröffentlichte. Seither hat er eine hörbare Entwicklung durchgemacht. Erwan selbst beschreibt es als akustische Coming of Age-Geschichte: „Mein erstes Album war noch ein kleines Kind, das zweite, ‚Tohu Bohu‘, dann schon ein Teeanger, und das dritte nun ist ein erwachsener Mann. Das Debüt war vielleicht noch etwas naiv. Ich war noch sehr jung und wollte einfach nur Musik machen. Ich war enthusiastisch, aber ohne größere Ambitionen. Es war eben nur ein Hobby. Niemals habe ich darüber nachgedacht, von der Musik leben können zu wollen. Als die Leute von Infiné meine Musik hörten und fragten, ob ich ein Album machen wolle, war das gar nicht so schwer. Ich habe nicht viel drüber nachgedacht, sondern eben einfach gemacht. Das war beim zweiten dann schon ganz anders. Dann kam langsam der Druck von außen dazu. Da war es dann plötzlich ein Job, die Leute haben auf etwas Neues von mir gewartet, hatten dabei auch spezielle Erwartungen. Ich habe aber versucht, in mir wieder das Gefühl herzustellen, das ich bei der Produktion des Debüts hatte. Den Enthusiasmus von einst zurückzuholen. Dafür bin ich nach Berlin gezogen. Neue Stadt, neue Leute. Es war wie ein Neustart und hat mir geholfen. Beim dritten Album bin ich nun noch einen Schritt weiter gegangen. Ich hatte inzwischen meine Erfahrungen gesammelt, wusste, was ich zuvor falsch gemacht hatte, was ich dieses Mal anders machen und weiterentwickeln wollte.“ Und genau das hört man. „Creatures“ ist ein komplexes Werk voller Kostbarkeiten. Dabei ist das nichts, das Erwan vorm Start der Aufnahmen so geplant hat. Es ist eher eine natürliche Entwicklung in seinem ganz eigenen Klangkosmos. „Wenn ich ins Studio gehe, passiert alles eher intuitiv und ohne großen Plan. Ich habe zwischen zwei Alben Phasen der Reflektion, aber wenn ich einmal angefangen habe, ist das vorbei. Dann ist für nichts anders mehr Raum. Ich denke dann nicht mehr viel. Die Musik, die ich mache, kommt aus dem Bauch, nicht aus dem Kopf. Ich verbeiße mich dann in etwas, wie es sonst vielleicht ein Wissenschaftler tut.“ Rone entfernt sich so immer weiter vom klassischen Clubkontext. „Creatures“ erinnert inzwischen an einen Mix aus Boards of Canada, Air und Moondog – allumfassend und vielschichtig. Diese Bemerkung macht Erwan beinahe verlegen, trifft aber offenbar den Nagel auf den Kopf. „Oh wow, vielen Dank. Ja klar. Ich habe sehr viele Künstler, die ich verehre und die mich beeinflusst haben. Ich versuche aber, all das im Studio abzulegen, mich von dem Außen zu befreien. Dann höre ich auch keine andere Musik mehr. Aber natürlich habe ich vieles in mir, das dann ganz natürlich in meinen Sound mit einfließt, ohne dass ich groß darüber nachdenke.“ Zu den Einflüssen gehört auch der Ort, an dem Erwan gerade lebt. Vor zwei Jahren zog es ihn nach Berlin. Geschuldet war das eine Art kreativen Krise. „Nach dem ersten Album saß ich in Paris und war irgendwie ein bisschen verloren. Der Druck des zweiten Albums hat mich blockiert. Meine Gedanken kreisten darum, was ich mit meiner Musik aussagen könnte. Das war dann alles etwas zu viel Reflektion, um noch kreativ sein zu können. An dem Punkt war es notwendig, Stadt, Familie und Freunde zu verlassen. Ich habe mich schlussendlich für Berlin als neuen Wohnort entschieden, denn ich liebe diese Stadt. Und auch finanziell war das einfacher, denn als junger Künstler hat du nicht die Mittel für eine Stadt wie New York beispielsweise. Nachdem ich dann in Berlin war, hat es noch ein paar Wochen gedauert, bis sich die Blockade löste.“ Natürlich hat Erwan erst mal das gemacht, was wohl jeder tut, der jung ist und neu in dieser Stadt: Party. Doch das ist nur die eine Seite der Medallie. Die Feierei hat bald den Wunsch nach Rückzug hervorgebracht. „Das Schöne an Berlin ist, du hast die Wahl. Es kann super entspannt sein, und wenn du feiern willst, ist auch das kein Problem. Die Stadt ist groß genug, um beides zu bieten. Nach der Zeit der Party habe ich mich also ein wenig zurückgezogen, ein Studio gefunden und wieder Musik gemacht. In Paris wäre das so nicht möglich gewesen. Da ticken die Uhren anders. Paris ist nur Stress. In Berlin entwickelte sich dann alles ganz natürlich. Und dann war auch schon ‚Tohu Bohu‘ fertig.“ Es folgten weitere Monate in Berlin, doch als es an die Produktion von Album Nr. 3 ging, beschlich Erwan ein ganz ähnliches Gefühl wie einst. Statt sich die nächste, fremde Stadt zu suchen, zog es ihn zurück in seine Heimat. Zu seinen Wurzeln. „Ich brauchte wieder eine Veränderung. Berlin war schon zur Routine geworden. Ein Wechsel bringt neue Energie. Ich habe auch über andere Städte nachgedacht, doch waren Familie und Freunde einfach mal wieder dran. Das gab den Ausschlag. Das war okay, denn ich bin nicht direkt nach Paris zurück, sondern lebe etwa eine Stunde von dort entfernt. Auf dem Land.“ – „Creatures“ enstand also weit abseits der Großstadthektik und würde womöglich ganz anders klingen, wäre es zum Beispiel in New York entstanden. „Klar bin ich von meinem Umfeld beeinflusst. Die Leute die man trifft, haben ebenfalls einen großen Einfluss auf die Musik. Einige der Ideen für die neuen Tracks sind aber schon in Berlin entstanden, die habe ich nur in Frankreich zuende geführt.“ Eigentlich hat Erwan, dessen Virtuosität durchaus auf ein Musikstudium schließen ließe, einst einen anderen Weg eingeschlagen und sich für das Medium Film interessiert, Film studiert. Es ist sicherlich nicht auszuschließen, dass sein Sound aus diesem Grund etwas Cineastisches hat. Es ist quasi der Score zu seinem ganz eigenen Film, der nur in seinem Kopf stattfindet. „Ich habe schon immer Musik gemacht, schon als Teenager. Es war immer nur ein Hobby für mich. Ich hatte viel zu viel Respekt vor den Künstlern, die ich verehrte und dachte immer, das ist nichts für mich. Aus einer Art Ehrfurcht heraus. Aber ich wollte unbedingt etwas Kreatives machen. Und mit 18 musste ich mich für irgendwas entscheiden, das war dann eben Film. Drei oder vier Jahre war ich dort, habe auch in dem Business gearbeitet. Musik habe ich weiter gemacht, und irgendwann entstand ein Break. Die Musik hat mich mehr und mehr in Beschlag genommen, sie hat sich am Ende durchgesetzt. Das war keine Entscheidung meinerseits. Ich habe die Leute von Infiné getroffen, und das Ganze ging seinen Gang. Plötzlich war ich Musiker. Schon verrückt irgendwie.“

Mehr Berufung als Beruf also, und das führt Rone heute um die ganze Welt. Auch zum neuen Album geht es auf große Tour. Nach einem Release-Event in Paris steht erstmal Frankreich auf dem Plan, dann folgt der Rest Europas, später auch Amerika. „Ich werden viel unterwegs sein. Das ist nach einer langen Periode im Studio für mich immer besonders aufregend. Die Musik mit anderen Menschen zu teilen, ist toll. Ich werde sowohl mir bekannte, als auch völlig neue Orte bespielen. Osteuropa zum Beispiel ist recht neu für mich.“ Dass die Tracks auf „Creatures“ in ihrer Albumversion so nicht für den Club oder das Festival funktionieren, ist klar. Sie werden modifiziert, jeden Abend aufs Neue – der Location, der Stimmung und der Uhrzeit angepasst. „Ich versuche, live viele verschiedene Varianten meiner Tracks zu präsentieren. Wenn ich um vier oder fünf Uhr morgens in einem Club in Berlin spiele, klingt es anders, als um acht Uhr Abends in Paris. Ich gebe den Tracks so immer wieder ein neues Leben, und sie sind im Grunde nie wirklich fertig, sie verändern sich. So wird es auch mir selbst nie langweilig, sie zu spielen.“ Die Zeit auf Tour wird zwar nicht konzentriert an neuen Sachen gearbeitet, doch werden Ideen gesammelt. Diese schaffen es dann als Skizzen, als grobe Richtlinien irgendwann ins Studio. In welcher Stadt das Studio dann steht, weiß Erwan noch nicht, doch ist Bewegung für ihn unabdingbar, um weiter kreativ arbeiten zu können. „Vielleicht entdecke ich auf meiner Tour einen Ort, an dem das möglich ist. So war es auch mit Berlin. Ich war hier, um zu spielen, und habe mich in die Stadt verliebt.“

www.rone-music.com
www.soundcloud.com/rone-music

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