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The Prodigy – No Shit For 1 Pound

Meine ersten, wirklich bewussten Erinnerungen an The Prodigy gehen zurück ins Jahr 1994, starten mit „No Good (Start The Dance)“ und damit wohl verhältnismäßig spät, bedenkt man, dass es sich hierbei bereits um die achte Single der Briten handelte. Und doch ist dieses Stück für mich bis heute der Inbegriff des damaligen Zeit, eines Ravegefühls, das heute längst nicht mehr existiert. Möglicherweise bin ich damit nicht der klassische The-Prodigy-Fan und somit gar nicht prädestiniert, dieses Interview zu machen.

Und doch – blickt man auf eine mehrjährige Tätigkeit im Musikjournalismus zurück, speziell im Bereich der elektronischen Musik – darf genau das, ein Interview mit Liam Howlett, Keith Flint und Maxim Reality, auf keinen Fall fehlen. Dementsprechend aus dem sprichtwörtlichen Häuschen bin ich, als ich mich bereits am 17. November via Deutsche Bahn auf den Weg nach Berlin mache, wo das Trio zwecks diverser Pressetermine zwei Tage im Hyatt verweilt. Seite an Seite mit der deutschen Fußballnationalmannschaft übrigens, aber das nur am Rande. Und ich habe Glück, bin ich doch gerade einmal die Zweite in dem anstehenden Interviewmarathon und daher erstmal guter Dinge, dass die drei noch nicht völlig entnervt, müde und verkatert vom vorabendlichen Zug durch die deutsche Partyhauptstadt nur das Nötigste auf meine mitgebrachten Fragen antworten.

Anlass unseres Treffens ist die am 20. Februar erfolgte Veröffentlichung des fünften und von Fans und Kritikern lang ersehnten The-Prodigy-Albums, das unter dem Titel „Invaders Must Die“ die Läden infiltriert hat. Gerade nach der eher verhaltenen Reaktion auf das 2004 erschienene Album Nr. 4, „Always Outnumbered, Never Outgunned“, das allein aus der Feder von Liam Howlett unter Verzicht auf die Mitwirkung seiner beiden Bandkollegen stammte und dem mit der Single „Baby’s Got A Temper“ ein regelrechter Flop vorausging, ist man nun besonders gespannt auf das, was da auf uns zukommt. An den Erfolg des heute in keinem Plattenschrank fehlen dürfenden Kultlongplayers „The Fat Of The Land“ aus dem Jahre 1997 mit Hitsingles wie „Firestarter“ und „Breathe“ konnte damit ganz sicher nicht angeknüpft werden. Und so schlägt man sich erneut mit den hohen Erwartungen des Publikums herum, das genau das zu wollen scheint: ein zweites „The Fat Of The Land“, einen echten Geniestreich, der die Musikszene aufrüttelt und umkrempelt, wie es das Langspielwerk seiner Zeit tat. Doch die Zeiten haben sich eben geändert, der Markt ist übersättigt, die Leute verwöhnt, aber The Prodigy immerhin auch im Studio wieder vereint. Damit stimmt schon mal eine Voraussetzung für den erhofften, durchschlagenden Erfolg. Und tatsächlich ist „Invaders Must Die“ eine Rückentwicklung im positiven Sinne, versprüht es doch wieder Lebensfreude, echtes Ravegefühl und verzichtet gänzlich auf den Einsatz von Gastvokalisten, wie sie auf „Always Outnumbered, Never Outgunned“ in Form von Princess Superstar oder Liam Gallagher zum Einsatz kamen.

„Egal was wir veröffentlichen, die Leute werden immer etwas zu meckern haben und es an ‚The Fat Of The Land’ messen.“

Die Band selbst hätte es gern gesehen, wäre „Invaders Must Die“ bereits 2008 erschienen, immerhin war es ja bereits vor einigen Monat fertig gestellt. „Leider ist dieses Geschäft immer mit einem gewissen Vorlauf verbunden. Uns wären zwei Monate da lieber gewesen, am Ende läuft es dann aber doch immer auf vier oder mehr Monate hinaus,“ erklärt Liam die Verzögerung. „Aber mal ganz ehrlich, es ist ja auch kein Weihnachtsalbum geworden, von daher wäre es im Dezember vielleicht auch einfach ein bisschen fehl am Platze gewesen. Ein Cover mit einem Rentier wäre für uns also sowieso nicht in Frage gekommen,“ lacht er. Nein, ein besinnliches Weihnachtsalbum ist „Invaders Must Die“ ganz sicherlich nicht. Vielmehr scheint die Band zurück zur alten Form gefunden, alte Energien wieder belebt zu haben. „Ja, das empfinden wir genauso,“ bestätigt Maxim meine Einschätzung. „Wir waren für ‚Invaders Must Die’ gemeinsam im Studio, und damit ist es wieder ein richtiges Bandalbum geworden.“ – „Wir sind als Band wieder zusammen, obwohl wir uns nie wirklich getrennt hatten, auch wenn es für das Publikum vielleicht eine ganze Weile so aussah,“ erklärt Keith. „Wir waren vorher auch live gemeinsam unterwegs, sind es nun aber eben auch wieder im Studio. Und wir haben uns dafür einfach genug Zeit genommen. Die Energie, die wir jetzt als Band haben, kannst du nicht künstlich erzeugen, die entwickelt sich einfach. Wir sind drei individuell denkende Persönlichkeiten, die sich nichts aufzwingen lassen.“  Eine Tatsache, die man dem neuen Album anmerkt. Doch war eben das Fehlen dieser Gemeinsamkeit der Punkt, der „Always Outnumbered, Never Outgunned“ zu einem weniger anerkannten The-Prodigy-Album machte? Wie sieht Liam als alleiniger Produzent dieses Werkes die Außenwirkung? „Jedes Album ist etwas, das ich zu dem gegebenen Zeitpunkt einfach machen musste und hat damit seine Berechtigung. Ich schreibe ein Album, wie es mir in den Sinn kommt, und ich denke, es war einfach eine Station auf dem Weg zum nächsten Longplayer, dem jetzigen. Jetzt ist die Zeit eben wieder reif für uns als Band, und hier sind wir.“ – „Alles was die Fans wollen, ist ein zweites ‚The Fat Of The Land’, ‚Firestarter Part 2’ etc. Aber das ist doch nicht das, was wir wollen,“ beklagt sich Maxim. „Egal was wir veröffentlichen, die Leute werden immer etwas zu meckern haben und es an ‚The Fat Of The Land’ messen.“ – „Für mich kam es nie in Frage, ‚Firestarter Part 2’ zu produzieren und so meine Integrität zu verlieren. Und im Endeffekt muss ich mich auch für nichts rechtfertigen. Es ist, was es ist. Und auch für das neue Album haben wir keine Kompromisse gemacht,“ fügt Liam hinzu. Die Chancen, dass die Kritiken diesmal wohlwollender ausfallen, stehen meiner Meinung nach jedoch recht gut. „Als ich damals ‚Spitfire’, den ersten Track auf ‚Always Outnumbered, Never Outgunned’ hörte, wollte ich unbedingt wieder zurück ins Studio, zurück auf die Bühne und konnte es kaum mehr erwarten,“ zeigt sich Keith durchaus begeistert von Liams Soloarbeit. Und überhaupt hat man offenbar genug von Leuten, die meinen, sich einmischen zu müssen, alles besser zu wissen. Daher auch der Titel des Albums „Invaders Must Die“ – Eindringlinge müssen sterben. „Es gab immer so viele Menschen, die uns gefragt haben, was wir tun, warum wir was tun und so weiter. Irgendwann war es uns zu viel. Sie kamen uns vor wie Eindringlinge, ja wie Leichenräuber beinahe,“ erzählt Keith, und Liam fügt hinzu: „Der Albumtitel ist für uns bedeutender als alle davor. Es ist wichtig, solche negativen Einflüsse nicht auf sich wirken zu lassen, als Band als Einheit zu funktionieren, ohne dass andere dazwischenfunken können.“

„Viele Leute kamen uns vor wie Eindringlinge, wie Leichenräuber. Und so ist der Albumtitel ist für uns bedeutender als alle anderen davor.“

Wie gut sie auf der Bühne als solche funktionieren, haben The Prodigy bereits im Dezember trotz wenig besinnlicher Songs auf kleineren Bühnen in UK im Rahmen der „Invaders Academy Tour“ getestet. Eine Art Generalprobe für die große Tour im Frühjahr? „Wir spielen im Dezember einige kleine Underground-Gigs in Großbritannien, und die waren binnen 30 Sekunden ausverkauft. Das ist natürlich nicht so schön für die Leute, die uns sehen wollen und keine Karten mehr bekommen. Auf der anderen Seite ist diese Intimität in kleinen Locations super, fast wie früher eben. Eine Rückbesinnung auf die alten Zeiten,“ ist Keith schon einen Monat vorher freudig erregt. „Auf unserer Tour im Frühjahr spielen wir dann eher größere Venues, so um die 4.000 Fans,“ fügt Maxim hinzu. Anfang März sind The Prodigy live in Berlin, Köln und München zu sehen, ehe später im Sommer einige Festivalgigs folgen sollen. Da man angesichts der musikalischen Ausrichtung von The Prodigy davon ausgehen kann, dass es sich hierbei um waschechte Rockfestivals handeln wird, ist die Wahrscheinlichkeit gar nicht mal gering, dass sie mitunter auch mal auf der gleichen Bühne stehen werden wie die Foo Fighters, deren Frontman Dave Grohl  auf „Invaders Must Die“ für einen Track die Arbeit am Schlagzeug übernommen hat. „Dave schrieb mir eine E-Mail. Er kam gerade von der Foo-Fighters-Tour zurück und ihm war irgendwie langweilig, er fühlte sich unausgelastet und fragte, ob er nicht für uns was tun könne. Ich schickte ihm einige Tracks. Zu einem davon spielte er das Schlagzeug live ein und schickt es mir zurück. Wir waren sehr inspiriert von dem, was wir da zu hören bekamen. Also schrieben wir extra für diesen Zweck den Track ‚Run With The Wolves’, schickten ihm diesen und er spielte hierfür die Drums ein. Jeder Track des Albums ist so etwas wie ein Puzzelteil, und ‚Run With The Wolves’ ist das böseste, wütendste Stück des Ganzen,“ berichtet Liam. „Und dieses Ganze, dieses Gesamtbild, muss die Band als solche darstellen, sie repräsentieren,“ meint Keith, ergänzt von Liam durch: „Eine Art Soundtrack zur Band.“ Schon im November stellten The Prodigy mit dem Albumtiteltrack einen ersten Vorgeschmack kostenfrei im Netz zum Download bereit. „Das ist jetzt nicht die erste Single im klassischen Sinne, aber wir wollen den Fans einfach schon mal einen kleinen Dienst erweisen,“ erklärt Liam diese Vorgehensweise. Zum Zeitpunkt des Interviews ist über eine tatsächliche erste Singleauskopplung noch keine Entscheidung gefallen, doch wird es am Ende Albumtrack Nr. 2, „Omen“, sein, der Mitte Januar in den Stores steht. Welche Kriterien muss ein Stück erfüllen, um einer Auskopplung würdig zu sein? „Es muss uns total repräsentieren. Einige Tracks sind einfach weniger geeignet als andere. ‚Run With The Wolves’ ist beispielsweise einer meiner liebsten Tracks, wird aber sicher nie als Single ausgekoppelt. Ich kann nicht sagen, wie wir da entscheiden. Das entscheidet sich irgendwie immer ein bisschen von allein,“ meint Liam ein wenig schwammig, während es Keith auf den Punkt bringt: „Die Formel lautet ja eigentlich: Such dir den kommerziellsten Track raus und koppele ihn aus. So verkauft man schließlich die meisten Einheiten. Das ist nicht immer in unserem Sinne.“ Ist heutzutage denn überhaupt noch ein Track in der Lage, die Szene so aufzurütteln, wie es The Prodigy Anfang und Mitte der Neunziger mit ihren zu tun vermochten? „Wichtig ist dabei immer, sich selbst treu zu bleiben und die Musik im Grunde für sich selbst und nicht für den kommerziellen Erfolg zu machen. Dann besteht durchaus die Chance, wenn die Leute auf einen aufmerksam werden, etwas zu bewegen mit seiner Musik,“ lautet Maxims Einschätzung. „Es ist doch so: Früher gab es unglaublich viele gute Shops in London. Heute macht an jeder Ecke ein Laden auf, bei dem du ‚shit for 1 £’ kaufen kannst. Und so ist es eben auch in der Musikindustrie. Das Internet macht’s möglich, denn auch hier gibt es viel Scheiße für kleines Geld.“ Mit diesem Vergleich schließe ich dieses Interview und lege euch den Kauf des neuen Albums von The Prodigy ans Herz, das zwar mehr als 1 £ kostet, aber jeden Penny wert ist. Erschienen ist das Ganze übrigens nicht wie sämtliche Vorgänger bei XL Recordings, sondern auf dem bandeigenen Label Take Me To The Hospital, das in Deutschland via Universal vertrieben wird.

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