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Trauern 2.0

Etwas mehr als eine Woche ist vergangen, seit Germanwings Flug 4U9525 in den französischen Alpen zerschellte. Eine Woche, in der sich weder die Medien noch die Politik in Sachen Vorverurteilung zurückhielten und einen jungen Mann zum Mörder sowie dessen Eltern zu den Eltern eines Mörders machten, noch ehe sie über alle nötigen Informationen verfügten. Ob die nun als bestätigt geltenden Anschuldigungen der Wahrheit entsprechen, dürfen jetzt die Verschwörungstheoretiker diskutieren.

Dass der Zuschauer/Leser entgegen der landläufigen Meinung nicht alles frisst, was ihm vorgesetzt wird, haben die vielen negativen Reaktionen auf den medialen Umgang mit dem Thema via Facebook und Co. bereits gezeigt. Das ist erfreulich. Dass diese sozialen Medien aber auch dazu genutzt wurden, andere Menschen für ihre digitale Trauerbewältigung zu diffamieren, ist für mich nicht nachvollziehbar. Jeder Essens-, Strand- und Shopping-Post wäre an einem tragischen Tag wie dem 24. März 2015 mehr als unpassend gewesen. Also waren die Pinnwände voll mit Beileids- und Schockbekundungen, tief betroffenen Statusmeldungen und schwarzen Schleifen. Gut so, denn Empathie kann nie falsch sein. Dass sie sich auf eben diese Weise ausdrückt, ist eine ganz logische Folge der Digitalisierung. Dass sich davon andere Leute wiederum belästigt fühlen, finde ich schräg. 150 Tote eines Flugzeugabsturzes noch am selben Tag mit den zahlreichen Kriegsopfern in Syrien, dem Jemen oder der Ukraine zu vergleichen, ist ein klassischer Äpfel-mit-Birnen-Vergleich. Abgesehen davon ist die Nutzung sozialer Netzwerke noch immer eine freiwillige Sache. Jeder hat die Möglichkeit, sich dem Ganzen bei Nichtgefallen – und wenn nur für eine Weile – per Mausklick zu entziehen.

Außerdem sind die mit dem längsten Zeigefinger oft jene, die beim Tod eines Prominenten, flüchtigen Bekannten oder engen Freundes nichts Besseres zu tun haben, als sich über dessen Facebook-Pinnwand von ihm zu verabschieden. Diese Doppelmoral kommt mir doch zynisch vor. Zumal fest steht, dass die verstorbene Person keinen der Einträge lesen wird, denn ich gehe einfach mal davon aus, dass es im Jenseits kein Internet gibt. Und wenn doch, dann eher in der Hölle als im Himmel. Am Ende aber bleibt: Jeder muss für sich selbst entscheiden, wie er mit Trauer, Schock und Schmerz umgeht. So lange er dabei niemand anderem schadet, darf er dafür auch den digitalen Weg wählen. Es ist meine Entscheidung, ob ich diesen Weg mitgehen möchte oder nicht. Bei Facebook gibt es oben rechts in der Ecke einen kleinen Pfeil, ein Dropdown-Menü. Darunter findet sich auch der Punkt „Abmelden“. Eigentlich doch ganz einfach.

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