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William Fitzsimmons – Musik als Therapie

Ein bisschen sieht William Fitzsimmons an diesem Tag aus, als habe man Rasputin mit Peter Lustig gekreuzt. In seiner schlabberigen Latzhose, mit Strickmütze und der obligatorischen Brille-Bart-Kombination begrüßt er mich mit der ihn auszeichnenden Sanftheit in der Stimme vor der Kölner Kulturkirche. Im Keller des angrenzenden Gemeindehauses setzen wir uns im Gelsenkirchener Barock-Schick bei Wasser und Tee zusammen, um über sein am 14. Februar erscheinendes fünftes Studioalbum „Lions“ zu sprechen. Ein beinahe fröhliches Werk im Vergleich zu seinem bisher wichtigsten Longplayer „The Sparrow And The Crow“ in 2008. Viel ist passiert seit damals, als sein Schaffen aufgrund einer schwierigen Trennung und deren Folgen von düsterer Tragik bestimmt war.

Mit melancholischer Singer/Songwriter-Attitüde hat sich der aus Jacksonville in Illinois stammende Musiker seit Mitte der 00er Jahre in die Herzen seiner Fans gespielt, ist ihnen nicht selten ein Therapeut in schweren Zeiten gewesen. Und dieser Vergleich hinkt nicht einmal, denn tatsächlich praktizierte Fitzsimmons einst als solcher. Sein Bart ist ein Relikt aus jener Zeit und heute sein Markenzeichen. „Die Menschen verbinden den Therapeuten schnell mit dem Bild des Sigmund Freud, und da gehört ein Bart einfach dazu. So wird man in diesem Beruf ernster genommen“, erklärt er amüsiert, denn neben aller ihm innewohnenden Melancholie ist er ein äußerst selbstironischer Mensch mit Sinn für Humor. Und doch ist natürlich auch „Lions“ nicht etwa ein Ansammlung gut gelaunter Partyhits, sondern ein Album voll sanfter, leiser Töne mit Gefühl und Bedacht, die jedoch einem neuen, positiven Lebensgefühl entsprungen sind. „Es ist das erste Mal, dass ich den Albumtitel im Kopf hatte, noch ehe ein Song fertig war. Das ist eigentlich nicht schlau, denn womöglich hätte es am Ende gar keine Verbindung zwischen der Musik und dem Titel gegeben … ‚Lions‘ repräsentiert zum einen die Geschichte der leiblichen Mutter meiner Adoptivtochter, zum anderen aber auch den Menschen ganz allgemein. Er kann auf der einen Seite sanftmütig und freundlich sein, auf der anderen ist er dazu fähig, zu töten.“ Erwähnte Adoption, die Gründung einer Familie und die tragische Geschichte der biologischen Mutter seines Kindes – das waren die Themen, die Fitzsimmons für sein neues Album inspirierten. „Mir ist es dennoch wichtig zu betonen, dass es sich nicht um ein Album für Eltern handelt“, lacht er und fügt hinzu: „Wenn du selbst ein Elternteil bist, verstehst du das Gefühl, ohne dass es dir jemand erklärt, und wenn nicht, interessiert es dich einen Scheiß.“

All die Erlebnisse der jüngeren Vergangenheit haben Fitzsimmons endlich mit all jenen Dingen, die ihn einst umtrieben, abschließen lassen. Forciert natürlich von der Musik, die seit jeher sein wichtigster Lebensinhalt ist. Als Kind blinder Eltern, die daheim visuelle Defizite mit Klängen auszugleichen versuchten, lernte er früh ganz unterschiedliche Instrumente wie Piano und Posaune. Doch hat dieses Elternhaus ihn noch auf anderen Ebenen in seiner Entwicklung stark beeinflusst. „Ich bin in einer streng religiösen Familie aufgewachsen, in der einem vermittelt wurde, es sei nicht okay, jemanden oder etwas zu hassen. Als ich größer wurde, merkte ich schnell, dass das so nicht richtig war. Ich begann zu reisen und wurde erwachsen. Ich traf jede Menge großartiger Menschen und lernte, dass das Leben nicht nur Schwarz oder Weiß ist. Es ist völlig okay, total verwirrt zu sein, mit etwas zu hadern, Fehler zu machen und sich selbst dafür dann aber auch zu vergeben. Ich habe Menschen schlimme Dinge angetan und konnte mir das lange nicht verzeihen. Aber genau das ist wichtig.“ Und in eben jener gnadenlosen Zeit entstand „The Sparrow And The Crow“, für Fitzsimmons sein wichtigstes Album bislang. „Die Aufnahmen damals waren ein Horror, eine echte Qual. Ich habe ständig geheult und musste abbrechen. Ich war ein Wrack. Heute fühlt es sich gut an, genau diese Songs live zu spielen, da ich weiß, dass die Leute einen Bezug zu ihnen haben. Sie sind wie gute alte Freunde, aber es ist auch gut, dass sie einen immer wieder an die alten Fehler erinnern. Und doch habe ich die Tür zu dieser Zeit hinter mir geschlossen. Ich wurde auch erst ein guter Therapeut, als ich selbst umsetzen konnte, was ich meinen Patienten riet. Viele Jahre war das, was ich da machte, mehr eine Art Method Acting in Sigmund Freud-Pose.“ Fitzsimmons selbst hilft es, die Dinge an- und auszusprechen, sie in seiner Musik, aber auch in Gesprächen – ja sogar in Interviews – auszudrücken. Er geht offen mit seinen zahlreichen psychischen Problemen um. Depressionen und Essstörungen sind nur ein kleiner Auszug aus dieser Liste. „Meine Offenheit in allen Bereichen hat mich durchaus schon mal in Schwierigkeiten gebracht. Ich habe Freunde, die mir die Grenzen aufzeigen und Bescheid sagen, wenn ich es übertreibe. Ich hatte mit 20 eine Menge Freunde, doch als ich schließlich geschieden wurde und noch ein paar andere Dinge passierten, blieben mir am Ende noch vier. Aber mit diesen vier bin ich heute so viel glücklicher als mit all jenen, die es nie wirklich ehrlich meinten.“

Möglicherweise half auch die erneute Auseinandersetzung mit den „The Sparrow And The Crow“-Tracks, der er sich 2010 im Zuge der Veröffentlichung eines Remixalbums namens „Derivates“ unterzog, weiteren Abstand zu gewinnen. Fitzsimmons’ Stücke glänzten dank Neubearbeitungen von Microboy, Pink Ganter u.a. in einem etwas anderen Licht, und mit seiner Coverversion des Katy Perry-Hits „I Kissed A Girl“ bewies der 35-Jährige einmal mehr Humor. Eine einmalige Sache oder auch für die Zukunft denkbar? „Ich liebe elektronische Musik, auch wenn ich selbst nicht der Mann für die großen, lauten Töne bin. Mir gefällt aber besonders die Kombination aus akustischen Gitarren und 808- und 909-Sounds. Ein gutes Beispiel für einen hervorragenden, ziemlich unterkühlten Track ist ‚Nightcall‘ von Kavinksy & Lovefoxxx vom ‚Drive‘-Soundtrack. Ich liebe diesen Song und höre ihn beinahe ununterbrochen. Er ist nicht emotional und trifft einen dennoch mitten ins Herz.“ Mit seinen aktuellen Stücken funktioniere das nicht, sagt er noch, schließt Remixe für zukünftige Produktionen dabei aber keineswegs aus. „Es muss passen, das heißt am Ende bestimmt der Song, ob es passiert oder nicht.“ Nun aber geht es erst mal mit „Lions“ durch die Lande, und ist Fitzsimmons zu Zeiten dieses Interviews gerade auf einer kleinen Solo-Akustik-Runde unterwegs, folgt nun zum Albumrelease eine umfangreichere Tour mit klassischem Bandcast. „Mit Band ist es immer einfacher, da du mit den anderen Musikern spielst und nicht mit dem Publikum direkt in Kontakt treten musst. Wenn du allein dort oben stehst, ist die Verbindung zu den Leuten vor der Bühne wichtig, und die musst du eben erstmal herstellen. Nur du und die Gitarre, da müssen die Songs schon richtig gut sein.“ Gottlob sind sie das ja …

www.williamfitzsimmons.com

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