„Legend of Wacken“: Die heilenden Kräfte des Heavy Metal

1990 fand das erste Wacken Open Air statt – vor gerade einmal 800 Fans. Die Mini-Serie „Legend of Wacken“ auf RTL+ erzählt die besondere Entstehungsgeschichte des heute riesigen Metal-Festivals mit viel Fiktion, gutem Humor, bester Musik und toller Besetzung.

„Erstes Festival aufm Acker. Nur 800 zahlende Leute, aber so geil gewesen. So war das. Weißt du ja. Und heute: 80.000 Leute, hundertmal so viel. Und alle Jahre wieder: 2200 LKWs voll mit Material. 740 Kilometer Bauzaun. 1000 mobile Toiletten. 400.000 Liter Bier. 700 Tonnen Müll.“ Mit diesen harten Fakten will Wacken-Gründer Thomas Jensen (Aurel Manthei) seinen Kumpel Holger Hübner (Charly Hübner) aus dem Koma erwecken. Und ist diese Szene auch reine Fiktion, dem Zuschauer vermittelt sie in wenigen Zahlen das, was das Festival in der schleswig-holsteinischen Provinz zum Faszinosum macht.

Die sechsteilige Serie „Legend of Wacken“ von Florida Film, die jetzt auf RTL+ startet, erzählt die Entstehungsgeschichte eines der weltweit größten Open Airs für Fans von Heavy Metal, gebettet in eine Rahmenhandlung aus der Jetztzeit. Unter der Regie von Lars Jessen und Jonas Grosch begegnet der Zuschauer den einigermaßen aktuellen Versionen der Festivalgründer sowie deren jüngeren Ichs, die sich Ende der 1980er-Jahre nur dank Musik und Bier in der Provinz nicht zu Tode langweilen.

Zwischen Fiktion und Realität

Durch einen vermeidbaren Arbeitsunfall hinter der Bühne beim (echten) Wacken 2022 verliert Hübner zu Beginn des Festivals das Bewusstsein. Am Krankenbett ist es an Jensen, seinen Kumpel mit emotionalen Geschichten aus der Vergangenheit zurück ins Leben zu holen. Und so berichtet er vom Jahr 1989 und einer Begegnung, die das Leben der beiden für immer verändern soll.

Jensen (Sebastian Jakob Doppelbauer) und Hübner (Sammy Scheuritzel) wachsen zunächst unabhängig voneinander im Kreis Steinburg auf. Wacken ist damals nicht mehr als ein winziger Fleck auf der Landkarte, umgeben von Kuhweiden und Einöde. Ein Ort, in den sich außer den dort lebenden 2000 Einwohnern kaum jemand verirrt. Das Leben der hiesigen Jugend besteht vor allem aus Langeweile, die man mit dem Trinken von Alkohol, täglichen Kneipenbesuchen und etwaigen Dorffesten zu vertreiben versucht.

Und mit Musik. Im Falle von Jensen ist es zunächst der Punk, der nach ersten Begegnungen mit Hübner dem von ihm favorisierten Heavy Metal weicht. Nach einigen Startschwierigkeiten freunden sich die zwei ungleichen Typen an, und aus einer Schnapslaune heraus entsteht eines Tages die trotz vieler Widrigkeiten immer reeller werdende Idee zum ersten Wacken Open Air 1990. Angelehnt an wahre Begebenheiten entspinnt „Legend of Wacken“ eine in weiten Teilen erfundene Entstehungsgeschichte, die dennoch perfekt den damaligen Zeitgeist und das Schicksal der westlichen Dorfjugend widerspiegelt.

Echte Metal-Liebe

Während „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ grandios daran scheiterte, das Gefühl der Berliner Jugend in den 1970ern glaubwürdig zu vermitteln, merkt man bei „Legend of Wacken“ schnell, dass sämtliche Beteiligten wissen, was sie tun. So ist es kein Zufall, dass Aurel Manthei und Charly Hübner involviert sind, beide erklärte Metal-Fans seit Teenagertagen. Hübner veröffentlichte erst 2021 ein Buch über seine Liebe zu Motörhead. Manthei trug in den 80ern vorzugsweise eine Iron-Maiden-Kutte und lange Korkenzieherlocken. Mehr Authentizität geht nicht.

Statt von außen auf die Ereignisse zu schauen, wurde bei dieser Produktion aus dem Inneren geschöpft. Dass die echten Jensen und Hübner den Produzenten und dem Autorenteam beratend zur Seite standen, tat sicher ein Übriges, auch wenn am Ende die Realität zugunsten der Dramaturgie schon hart verbogen wurde.

Durch und durch gelungene Besetzung

Die Besetzung ist nicht nur bezüglich der älteren Versionen der Wacken-Gründer gelungen. Sammy Scheuritzel erweckt den jungen Hübner in all seinen Unsicherheiten, seinem nerdigen Perfektionismus und seinem Musikfanatismus zum Leben. Sebastian Jakob Doppelbauers Jensen verwandelt sich vom No-Future-Punk zum überzeugten Metalhead, der trotz aller Rückschläge stets optimistisch und motiviert bleibt, um was auf die Beine zu stellen. In Nebenrollen sorgen Marc Hosemann als meckernder Kneipier, Detlev Buck als geschäftstüchtiger Bauer oder das sich in der Obhut der christlichen Betreuerin Wiltrud (Katharina Wackernagel) befindende Heimkind Theresa (Maria Matschke-Engel) mit ausgefeilten Dialogen und pointierten Gags für beste Unterhaltung.

Auch der Soundtrack von Motörhead über Saxon bis Judas Priest passt natürlich wie die „Pommesgabel“ ins Auge. Selbst der „Pussyrock“ (Zitat aus der Serie – Anm. d. Aut.) von Guns n‘ Roses findet hier Verwendung, ohne der Authentizität zu schaden. Und doch ist „Legend of Wacken“ nicht nur eine Serie für Metalfans, wenngleich diese das Ganze mit besonderem Interesse verfolgen dürften. Es ist auch eine Serie für Dorfis, Teenies der 80er und für alle, die sich für einen ausgewogenen Mix aus emotionalen wie humoristischen Momenten und durch und durch originelle Figuren begeistern können.