Moby: „Als Popsänger hätte ich Angst vor der KI“

Es ist das 20. Studioalbum, das Moby dieser Tage veröffentlicht. Darauf zu finden sind Neubearbeitungen seiner größten Hits unter Hinzunahme neuer Gäste. Im Interview spricht der Elektronik-Pionier mit den Punk-Wurzeln über die Krux der KI und betont, dass der Klimawandel keine Meinung ist.

Fast auf den Tag genau ist es zwei Jahre her, dass Moby mit „Reprise“ sein Debüt auf dem Label Deutsche Grammophon feierte. Während er darauf Gäste wie Kris Kristofferson, Mark Lanegan und Jim James um sich scharte, um samt Orchester Hits wie „Porcelain“ und „Why Does My Heart Feel So Bad“ neu zu interpretieren, waren beim Follow-Up „Resound NYC“ unter anderem Gergory Porter und Kaiser-Chiefs-Sänger Ricky Wilson für ihn im Studio.

Mit ihnen am Mikrofon präsentiert der Rave-Pionier mit den Punkrock-Wurzeln weitere neue Versionen altbekannter Moby-Songs, darunter „Extreme Ways“, „In My Heart“ und „Walk With Me“. Mit ntv.de sprach der Ex-New-Yorker und heutige Wahl-Kalifornier unter anderem über die Krux der Künstlichen Intelligenz für das Musikbusiness und den Klimawandel. Der ist laut dem Vegan-Aktivisten keine Meinung, sondern ein Fakt ist und wird als solcher zu wenig betrachtet.

ntv.de: „Resound NYC“ ist dein zweites Album auf dem renommierten Label Deutsche Grammophon. Man kann also sagen, dass die Zusammenarbeit gut läuft?

Moby: Nun, ich kann nur für mich selbst sprechen und bin immer noch erstaunt und begeistert. Darüber, dass ich Platten machen kann, die sich die Leute anhören. Denn als ich aufwuchs, spielte ich in seltsamen kleinen Punkrock-Bands und legte als DJ in Spelunken auf. Ich hätte nie gedacht, dass ich jemals Musik machen würde, die sich jemand anhört. Ich hätte auch nie gedacht, dass ich mal einen Plattenvertrag bekomme. Und ich hätte nie gedacht, dass ich mal Platten bei der Deutschen Grammophon veröffentlichen würde. Es ist das älteste und am meisten respektierte Plattenlabel der Welt. Ich warte nur darauf, dass sie aufwachen und merken, dass ich mich in ihre Welt eingeschlichen habe und dass sie mich wieder rausschmeißen. (lacht)

Das klingt so, als würdest du am Hochstapler-Syndrom leiden.

Ja, vielleicht. Ich wuchs sehr arm auf, und als ich von zu Hause auszog, lebte ich in einer verlassenen Fabrik in einem Crack-Viertel. Ich legte sechs Stunden pro Nacht auf und bekam 20 Dollar dafür, hatte kein fließendes Wasser, kein Bad, keine Heizung, und dachte, so würde mein Leben eben aussehen. Ich dachte, ich würde vielleicht Philosophieprofessor werden und Musik machen, die sich nie jemand anhört.

Nun bist du aber schon seit 25 Jahre erfolgreich im Geschäft, daher könnten die Selbstzweifel doch langsam mal passé sein?!

Ich erkläre es mal mit einer Art Metapher. Also, du gehst in einen Laden, kaufst einen neuen Teppich, nimmst ihn mit nach Hause, rollst ihn auf und rollst ihn aus. Und direkt rollt er sich an den Enden wieder zusammen. Er geht in seine ursprüngliche Form zurück, und das tun wir Menschen auch. Diese Form entsteht, wenn wir Kinder sind. Auch als junge Erwachsene prägen wir sie noch, und aller Erfolg hält mich nicht davon ab, wieder in die alte Form zurückzugehen und mich selbst als Kind zu sehen, das in einer verlassenen Fabrik wohnt.https://www.youtube-nocookie.com/embed/gXA7OFY1I1Q?rel=0&showinfo=0

Was hat dich dazu gebracht, noch einmal alte Songs neu aufzulegen? Hatte der Erfolg von „Reprise“ darauf einen Einfluss?

Ich liebe es einfach, Musik zu machen. Ob sie veröffentlicht wird, ob sie nicht veröffentlicht wird, ob sie jemand hört, ob sie niemand hört, egal. Und ich liebe besonders die Arbeit mit verschiedenen Sängern sowie Dinge, die für mich ungewohnt sind. Bei „Reprise“ habe ich mit einem Orchester in Ungarn gearbeitet, mit einem Gospelchor, einem Streichquintett. Damit hatte ich noch nicht viel Erfahrung, und ich fand es wirklich spannend. Dasselbe gilt für diese Platte. Ich dachte immer, dass ein Orchester aus 120 Leuten besteht, die in der Carnegie Hall einen Smoking tragen. Sehr formell und traditionell. Bei der Deutschen Grammophon hat man mich dazu gebracht, zu sehen, dass ein Orchester alles sein und alles einbeziehen kann. Selbst einen Plattenspieler.

Entstanden ist so dein 20. Studioalbum. Ein Jubiläum quasi. Bedeutet dir die Zahl irgendwas?

Nein. Und vielleicht hat das auch mit dem Hochstapler-Syndrom zu tun. Aber ich hasse die Vorstellung, Dinge zu feiern, die ich getan habe. Ich würde lieber versuchen, daraus zu lernen und einfach weiter zu machen. Meine Vorstellung von Feiern ist, eine alte Folge von „30 Rock“ (US-amerikanische Sitcom – Anm. d. Red.) zu gucken und dann wieder in mein Studio zu gehen.

Du feierst vermutlich auch nie deinen Geburtstag?

Mein idealer Geburtstag bestünde tatsächlich darin, ein paar SMS von Freunden zu bekommen und alleine wandern zu gehen, das wäre dann auch schon alles. Eine Party zu veranstalten, um mich zu feiern, dabei fühle ich mich einfach nicht wohl. Je älter ich werde, desto mehr werde ich wie Greta Garbo. Die wollte irgendwann auch nur in den Wald, um zu wandern.

Du hast für die neuen Versionen deiner Songs Leute wie Gregory Porter und Ricky Wilson ins Studio geholt. Wie hast du die Gäste ausgewählt?

Als ich aufgewachsen bin, habe ich viel Musik gehört, die Beatles zum Beispiel. Ich habe im Auto mit meiner Mutter Radio gehört und immer gehofft, selbst ein großer Sänger zu werden. Ich dachte, das wäre das Größte auf der Welt. In der Highschool fing ich an, in Bands zu spielen und habe schnell gemerkt, dass ich zwar kein schrecklicher Sänger bin, aber eben auch kein großartiger. Eher ein durchschnittlicher. Anfang der 1990er war mir klar, dass ich lieber schöne und besondere Stimmen auf meinen Alben haben möchte. Seither suche ich nicht nach Perfektion, sondern nach Stimmen, die Emotionen vermitteln. Wie eben Gregory Porter, der es versteht, ein Gefühl der Sehnsucht zu verbreiten.ANZEIGE

Demnach machst du dir keine Sorgen darüber, dass irgendwann die KI den Musikmarkt bestimmen könnte? Emotionen kann sie ja – zumindest bislang – noch nicht.

Man kann mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass die KI ganz leicht ein Popsänger sein könnte. Denn wenn Pop-Produzenten mit Sängern ins Studio gehen, versuchen sie im Grunde, diese wie KI klingen zu lassen. Sie versuchen, die Menschlichkeit zu entfernen und eine technische Perfektion mit Auto-Tuning und Nachbearbeitung zu schaffen. Es gibt so viele Tricks, um technische Perfektion zu erreichen. Die KI kann das bereits. Aber ich glaube nicht, dass sie jemals herausfinden wird, wie man Leonard Cohen, Mark Lanegan oder Johnny Cash ist. Als Popsänger hätte ich Angst vor der KI, als Kris Kristofferson eher nicht.

Ein weiteres heiß diskutiertes Thema neben der KI ist aktuell der Klimawandel. Zumindest bei uns in Deutschland. Wie ist es in den USA? Schert sich da jemand um Klima- und Umweltschutz?

Es gibt die „New York Times“, „Washington Post“, „LA Times“. Sie bringen schon Artikel über den Klimawandel. Aber sie gehen nie auf das eigentliche Problem ein. Selbst Joe Biden versucht, eine sehr klimafreundliche Energiepolitik zu betreiben. Das ist gut. Aber das Einzige, was die Menschheit zwingen wird, sich mit dem Klimawandel auseinanderzusetzen, ist, wenn es nicht mehr nur eine Meinung ist. Es ist wie mit der eigenen Gesundheit. Man ist sich der Tatsache bewusst, dass man sich besser ernähren und mehr bewegen sollte. Aber das ist nur eine Meinung – bis man einen Herzanfall oder einen Schlaganfall hat.

Der Mensch schiebt die Verantwortung eben gern von sich. „Solange Politik und Industrie nicht mitziehen, warum soll ich mich also einschränken?“MOBY AUF RTL+ MUSIK

Die chinesische Regierung weiß, dass all diese Küstenstädte dezimiert werden und dass die Luftverschmutzung tonnenweise Menschen tötet. Jeder in den Vereinigten Staaten, weiß, wie viele Städte durch die zunehmenden Stürme und das steigende Klima verschwinden werden. Aber im Moment haben die meisten Menschen noch die Wahl. Sie können immer noch in ihren Geländewagen steigen, sie können immer noch Plastikflaschen aus dem Fenster werfen, während sie die Straße entlangfahren. Sie können immer noch zu McDonalds oder Burger King gehen. Es fühlt sich so an, als wäre der Klimawandel eine Information, zu der man eine Meinung haben kann. Aber der Klimawandel ist keine Meinung, sondern eine Tatsache.

Du bist seit Jahrzehnten strikter Veganer und Vegan-Aktivist. Wie sehr ärgert es dich, dass bei der Diskussion über die Einsparung des CO₂-Ausstoßes nie über die Abschaffung der Massentierhaltung diskutiert wird? Schätzungen zufolge sind weltweit immerhin rund 14,5 Prozent aller Treibhausgasemissionen darauf zurückzuführen.

Diese Frage habe ich mal Al Gore gestellt. Selbst er hat in seinen Büchern und Filmen zu dem Thema die unbequeme Wahrheit über die Massentierhaltung nicht wirklich erwähnt. Er war sehr ehrlich und meinte, dass der Einfluss der Fleisch- und Milchproduktion auf den Klimawandel zwar wahr ist, aber zu unbequem für Politiker und Verbraucher. Jeder Politiker hat Angst, seinen Job zu verlieren. Und wenn er zu seinen Wählern geht und sagt: „Wissen Sie was? Wir müssen aufhören, Fleisch und Milchprodukte zu konsumieren“, dann ist die Gefahr groß, dass er die nächste Wahl verliert.

Sind die Menschen diesbezüglich zu ignorant oder zu schlecht informiert?

Nun, bei den Medien ist es doch dasselbe. „New York Times“, „Washington Post“, BBC und der „Guardian“ sind ziemlich gut in dieser Sache. Aber die meisten anderen versuchen, ihre Mitarbeiter zu bezahlen und haben Angst, aus dem Geschäft zu verschwinden. Also können sie ihre Werbekunden nicht verärgern. Und das sind oft Fleisch- und Molkereiunternehmen. Die kannst du dann nicht beleidigen. Ebenso wenig wie deine Leser, die Fleisch- und Milchprodukte essen. Das macht mich wahnsinnig. Die wissen, dass Fleisch- und Milchproduktion die drittwichtigste Ursache für den Klimawandel, die Hauptursache für die Abholzung der Regenwälder, die Übersäuerung der Meere und deren Verschmutzung ist. Und fast niemand geht darauf ein. Manchmal habe ich das Gefühl, als Aktivist einen schlechten Job zu machen, aber ich tue, was ich kann

Wie schaffst du es, als Aktitivst nicht völlig frustriert aufzugeben? Oder verrückt zu werden?

Du meinst den Krieg in der Ukraine, die Angriffe auf die Demokratie, die Fake News, Waffengewalt in den Vereinigten Staaten … Ich meine, eine 20-jährige Frau, die in die falsche Einfahrt fährt, wird erschossen. Ein schwarzer Junge geht in das falsche Haus und wird von einem alten weißen Rassisten erschossen. All das kann einen tatsächlich verrückt machen. Aber wütend und frustriert über etwas zu sein, das man nicht ändern kann, ist Energieverschwendung. Das verursacht nur Stress, Panik und Schlaflosigkeit – zumindest bei mir. Es ist wie mit dem Feuer. Lässt man es unkontrolliert brennen, ist es zerstörerisch. Wenn man lernt, es zu kontrollieren, kann es hilfreich sein. Man kann damit kochen oder sein Zuhause heizen. Ich muss also meine Wut und Frustration aushalten. Wenn ich sie produktiv einsetze, dann ist sie gut. Wenn sie nur Stress und Ängste bei mir auslösen, dann sind sie destruktiv.