Abby – Konzept: Freiraum

Abby – Konzept: Freiraum

Ein wenig überrascht war ich schon, als ich diese Mail erhielt, in der mich Universal Music zur Abby-Listening Session einlud. Abby? Waren das nicht die mit »Evelyn« und »Streets«, eine bislang von mir recht wenig beachtete Indiepop-Band mit einem Debüt namens »Friends And Enemies«, das weder Fisch noch Fleisch sein wollte? Warum könnte FAZE als Magazin für elektronische Musik die richtige Plattform für diese Band und ihr neues Album »Hexagon« sein? Spätestens nach zwei Minuten und der Vorstellung des Openers »Hush« war diese Frage zweifelsfrei beantwortet. Mit ihrem zweiten Werk haben sich Filou, Tilly, Henne und Lorenzo gefunden und wissen genau, was sie wollen: als Abby intelligente elektronische Musik machen. Dass dann auch Pan-Pot (»Birth«) und Brandt Brauer Frick (»Hexagon«) bei je einem Track dabei sind und unter anderem ein H.O.S.H.-Remix erscheint, sind nur weitere gute Gründe, der Listening Session wenig später auch ein Interview folgen zu lassen.

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Ich treffe Sänger Filou und Keyboarder Lorenzo eines heißen Sommertags in Kreuzberg wieder, um sie zu fragen, wie es dazu kam, dass sie jetzt klingen, wie einmal komplett auf Links gedreht. »Genauso fühlt es sich tatsächlich an. T-Shirt aus, auf Links gedreht und wieder angezogen«, greift Lorenzo den Vergleich auf. »Es gab nicht den einen großen Schlüsselmoment. Aber wir wussten, dass wir auf das Vergangene keinen Bock mehr hatten und was Neues machen wollten. Uns nicht komplett neu erfinden, sondern das festhalten, was wir die ganze Zeit über eigentlich schon waren.« – »Wir waren vorher schon auf Links gedreht, haben es nur nicht gezeigt. Was eben unseren persönlichen Geschmack angeht, der eher im subkulturellen Bereich verankert ist. Das war sogar schon so, ehe wir als Abby überhaupt zusammenkamen«, ergänzt Filou. »Wir hatten uns nie vorgenommen, ein Popalbum zu machen. Das ist 2013 einfach so passiert, und ist auch gar nicht richtig Pop geworden, sondern eher so ein Zwischending. Wir verstehen ‚Friends And Enemies‘ heute eher als Skizze. Der Weg zu ‚Hexagon‘ war somit ein ganz natürlicher – zurück zu dem, was wir schon immer waren.« Der Abstand zu den Songs auf dem Erstling könnte für die Band also größer kaum sein. Zwar liegt das Release selbst erst zwei Jahre zurück, einige Stücke waren zu diesem Zeitpunkt aber bereits etwas älter und längst überholt. »Wir waren schon an einem ganz anderen Punkt und haben in der Zwischenzeit sogar noch an anderen Projekten gearbeitet, die in eine ganz andere Richtung gingen«, erklärt Lorenzo, und weiter: »Wir haben viel elektronische Musik gemacht, das war bei uns immer präsent. Als es dann wieder an der Zeit war, sich nur auf Abby zu konzentrieren, war das Einzige, das wir uns vorgenommen haben, uns nichts mehr vorzunehmen. Es gibt keine Grenzen mehr, jeder bekommt seinen Freiraum, und jeder kann genau das tun, was in seinem Kopf vorgeht.« Abby sind ein eingespieltes Team, nicht nur Bandkollegen, sondern Freunde, die es vor sechs Jahren von Mannheim aus nach Berlin verschlug. Sicherlich ist dieser gemeinsame Background einer der Gründe dafür, dass man sich heute auch im Studio ohne viele Worte versteht und hinsichtlich »Hexagon« immer große Einigkeit herrschte – bei totaler Gleichberechtigung. Gerade hinsichtlich des Umstands, der Elektronik mehr Platz darauf einräumen zu wollen, gab es keine Diskussionen. Trotz des Verzichts auf Regeln und Vorgaben ist »Hexagon« das, was »Friends And Enemies« eben nicht war, nämlich durchdacht und ausgereift. Die Songs haben Struktur, sind zeitlos und elegant, aber auch vielschichtig. Nicht, dass das die erste Single »Time Is Golden« nicht auch wäre, dennoch fällt sie ein wenig aus dem Gesamtkonzept heraus, ist wohl das poppigste, gefälligste Stück des Albums. Vielleicht, um den alten Fans den Übergang zu den neuen Abby zu erleichtern? Filou stimmt dem nur bedingt zu: »Das war tatsächlich auch ein Gedanke. Allerdings halte ich dagegen, dass ‚Time Is Golden‘ für mich persönlich ein sehr emotionaler Track ist, also mein Bezug zu ihm ist sehr emotional, nicht nur seine Machart. Dadurch gehört er für mich zu dieser Zeit, ist total intensiv. Und klar ist er nicht wie ‚Halo‘ oder ‚Friendly Fire«, er hat eine andere Einfachheit. Aber ich finde, genau das ist daran total schön. Aber ja, ich glaube auch, dass die Leute, die über das alte Album kommen, werden darüber einen Zugang zum neuen finden. Zum anderen denke ich aber auch, dass Leute, die aus einer anderen Richtung kommen, an diesem Track ganz viel finden können – weil er so bedingungslos einfach ist.«
Entstanden ist »Hexagon« in den inzwischen recht bekannten Riverside Studios in Berlin-Kreuzberg, in denen auch Leute wie Florian Meindl, Martin Eyerer, Tobi Neumann und Pan-Pot ihre berufliche Heimat gefunden haben. Ein durchaus elektronisch geprägtes Umfeld. Und trotz der Tatsache, dass das Stück »Birth« eine Kollaboration mit den Studiokollegen Tassilo und Thomas ist, war der Einfluss der Produktionsumgebung geringer als man meinen könnte, erklärt Lorenzo: »Die Platte war in den maßgeblichen Dingen schon fertig, als wir ins Riverside gezogen sind. Der Vibe war schon da. Der hat sich auch nicht geändert. Dass wir einen Titel mit Pan-Pot drauf haben, liegt nicht daran, dass sie uns geholfen haben oder sowas. Sie waren einfach da, wir sind befreundet. Wir haben auch Titel mit ihnen für ihr Album gemacht. Bei Brandt Brauer Frick ist es ein ganz alter Jugendkontakt von mir.« Filou fügt aber doch hinzu: »Die Riverside Studios haben aber schon insofern einen Einfluss gehabt, dass uns das Umfeld eine gute Stimmung gegeben hat und wir uns dort wohl gefühlt haben. Dort ist unsere eigene Insel entstanden. Das Studio wurde noch gebaut, während wir an dem Album geschrieben haben. Wir haben dem Raum dann Leben eingehaucht. Aber dazu gehört natürlich auch das Drumherum. Es ist einfach ein schöner Ort, und wir haben mit einigen Leuten wie z.B. Tobi Neumann ein wirklich enges, freundschaftliches Verhältnis. Das beruht aber eher auf Zwischenmenschlichem und gar nicht mal unbedingt auf der Musik.«

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Neben dem Album selbst sind Mitte August auch »Halo«-Remixe erschienen. Die wurden von H.O.S.H. und Thyladomid gefertigt und auf dem Diynamic-Sublabel 2DIY4 releast. Dabei soll es nicht bleiben. Weitere Tracks, weitere Remixer – darunter Pan-Pot, Tobi Neumann und David August – stehen an. Im Club werden Abby also bald einen festen Platz haben. Mit dem Verkauf eines Albums oder auch von Remixen in diesem Segment kann der Lebensunterhalt ein Band allerdings kaum bestritten werden: »Das funktioniert höchstens noch mit zusätzlichen Verkäufen im Ausland, aber nur in Deutschland bringt es dir nicht viel. Aber auch ein James Blake könnte nicht davon leben, nur bei uns Platten zu verkaufen,« so Lorenzo. Also wollen auch Abby vor allem auch rauf auf die Bühnen – mal als klassische Live-Band, mal als Abby System im elektronischen Umfeld – wie im Juli beim Watergate OpenAir in der Rummelsburger Bucht. Für weitere Live-Gigs laufen die Planungen derzeit, so lohnt es sich sicher, Augen und Ohren diesbezüglich offen zu halten.

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